Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 55. Band.1927
Seite: 185
(PDF, 91 MB)
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_55_1927/0201
Dinge werden gleichsam umzingelt, gestellt, in
Augenblicksgeschwindigkeit fixiert. Oft sind
hier Einwendungen gegen das Glücksspiel mit
Ton und Zeichnung gemacht worden. Nun ja.
Aber man beachte auch den Einsatz, um den
gespielt wird: Monet, der intensivste Momente
im Leben der Landschaft zum Stillstand bringen
will, wird von kosmischem Gefühl erfüllt, ähnlich
stark wie Faust, der sogar zu sterben bereit
ist, wenn er zum Augenblick sagen kann: „Verweile
doch, du bist so schön!"
Es ist üblich, den Monet zwischen 1870 und
1890 am höchsten einzuschätzen, weil in dieser
Periode seine Hellmalerei die überraschendsten
gegenständlichen Neuheiten hervorbringt, während
später die Bilder stets immaterieller werden
. „Kann man dem Künstler der Nymphäen
nachtrauern, der die Vision der äußeren Welt
auf Wasserspiegelungen beschränkt und zurückführt
?" fragt auffälligerweiseAndreFavory,
einer der Führer der Jüngsten.
Lohnender als die einzelnen Epochen in Monets
Schaffen gegeneinander abzuwägen (man mag
an die Wandlungen im Urteil über die späten
Schöpfungen eines Rembrandt, eines Beethoven
denken!) ist es, die Einheitlichkeit, Geschlossenheit
, Folgerichtigkeit seines Werks aufzudecken
. Ein Monet konnte nie schwächer, nur
innerlicher werden, seine Arbeiten nur auf eine
immer höhere, geistigere Stufe gelangen.
Das Lebenswerk Monets ist eine bis zur Spitze
ausgebaute Pyramide. Auf so breiter Basis ruht
es wie auf jenen festlichen, wenn auch noch lichtverhängten
Frühbildern. Es steigt empor zu
dem begrenzteren Sujet, aber zu den weiteren
Perspektiven der mit Wasserrosen bedeckten
Teiche, über die sich glyzinenbehängte Brücken
wölben. Die logische Spitze der Pyramide aber
sind die Wasserbilder, in denen selbst die
Nymphäen im Schimmer aufgesogen sind, wo
nur die Spiegelreflexe des Himmels im Wasser
und uferloses Glück des Schauens gemalt ist,
wo ein Künstler mit seinen endlichen Mitteln
in die Unendlichkeit vorstößt.
Noch ist der letzte, der Anzahl und dem Format
nach größte Zyklus Monets, die Teichbilder,
die der Künstler während des Krieges im achten
Jahrzehnt seines Lebens schuf, nicht bekannt.
Er besteht aus zwölf bis vierzehn Kompositionen
, deren jede sich wieder aus drei bis fünf
Leinwänden zusammensetzt, im ganzen also aus
etwa fünfzig Paneelen, von denen das eine in das
andere übergreift: nur AVasser, Himmel, Licht,
Luft, Seerosen. Monet hat das Werk am Tag
des Waffenstillstands seiner Nation geschenkt,
aber nie zu Lebzeiten herausgeben wollen. Infolge
seines langsam nachlassenden Augenlichts
blieb er bis zu seinem Tod über die geglückte
Zuendef ührung im Zweifel.
Jahrelang schon ist die Orangerie im Tuilerien-
garten gegenüber dem Annex des Luxembourg-
museums zur Aufnahme dieser großen Wandgemälde
bereit. Dort soll nun endlich im Frühling
das kostbareVermächtnis dem französischen
Volk, — der Welt zugänglich gemacht werden.

Albert Dreyfus

.'1

185


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_55_1927/0201