Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 55. Band.1927
Seite: 196
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_55_1927/0210
Besonderen zu erschauen. Sehen läßt sich das
Allgemeine nicht, es läßt sich nur schauen, denn
es ist nicht sinnlich wahrnehmbar, es ist unsinnlich
, es gehört dem Geiste an. Das Allgemeine
, wir können auch sagen die Grundform,
das Zugrundeliegende im Mannigfaltigen, können
wir nur erschauen, nicht sehen, nur mit
dem „inneren Auge", wie Goethe sagt, sehen,
das aber ist Schauen. Hat sich unserem Geiste
solch Allgemeines erst enthüllt, dann werden
wir fähig, im Mannigfaltigen das Einfache zu
erblicken.

Fast unsere ganze Wissenschaft hat sich bisher
mit wenigen Ausnahmen darauf beschränkt,
das Mannigfaltige der Erscheinungen zu studieren
, allenfalls das Besondere festzustellen,
ohne sich um das Allgemeine, geschweige denn
um das Einfache, die Idee zu kümmern. Auch
die Kunstgeschichte verfuhr bisher rein sammelnd
, rein historisch, indem sie die Fülle des
Mannigfaltigen chronologisch ordnete, also
gleichsam durch das Kunstschaffen der Menschheit
Längsschnitte legte. Sie konnte und kann
bei diesem Verfahren ebensowenig das Ganze
erblicken und gestalten, wie das Allgemeine im
Besonderen, erst recht aber nicht das Einfache.
Dieses kann nur gewonnen werden, indem man
gleichsam Querschnitte durch das Kunstgeschehen
legt. Ein sogenanntes „exaktes", nur
auf dem sinnlichen Sehen, bzw. Wahrnehmen
beruhendes Vorgehen führt hier natürlich nicht
zum Ziel, denn es muß eben seiner sinnlichen
Gebundenheit wegen immer am Einzelnen, an
der Einzelerscheinung haften, es kann immer
nur unterscheiden, nicht verbinden.
Jedes Sehen schon besteht aus einzelnen Sehakten
: wer sie zu Einem zu verbinden weiß,
dem baut sich aus plastischen, graphischen,
malerischen Einzelanblicken das Bild einer Erfahrung
empirisch auf. Man stelle sich z. B. den
Erfahrungsinhalt des Lesenden vor. Aus der
Summe der verschiedensten Sehakte formt sich
so oder so in uns ein mehr oder weniger plastisches
Bild. Der Künstler nun sammelt gleichsam
eine Reihe von optischen Begebenheiten,
die sich auf diesen Lesenden beziehen, um sie
dann zu einem Seheindruck zu vereinen, den
er dann, gleichviel in welcher Kunstform, darstellt
, d. h. wiedergibt. Wir kennen eine ganze
Reihe von Kunstwerken, die lesende Menschen
darstellen, und doch werden nur einzelne uns
den Gehalt, den Inhalt des Begriffs, gleichsam
der Idee „der Lesende" oder „Lesen" geben.

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Man vergleiche einmal das Bild eines böhmischen
Primitiven des 14. Jahrhunderts, deniesenden
Ambrosius, mit dem lesenden Apostel
Albrecht Dürers. Gehen wir dem seelischen
Vorgange nach, den wir von beiden Werken
her erhalten, so spricht zunächst Dürer unmittelbar
zu uns, wir antworten zustimmend,
weil seine Sprache die bekannte Sprache unserer
sinnlichen Augen ist. Der Ambrosius aber wirkt
zunächst befremdend auf uns, wir sagen, er sei
„primitiv", wie wir das vielleicht auch bei einer
Kinderzeichnung sagen, weil er nicht die Sprache
miserer Augen spricht. Auf unsere klaren, sehr
vernünftigen Augen macht Dürer nicht nur
einen befriedigenden, sondern einen schönen
Eindruck, wir spüren, daß er anders sehen kann
als wir, besser, klarer, genauer, ja so stark, so
gesteigert, daß wir bewundernd vor dieser Darstellung
stehen.

Nun aber verschieben wir um ein weniges den
Standpunkt und fragen nicht mehr nach dem
„Wie" der Darstellung, sondern nach dem
„Was", nach dem Gehalt der beiden Kunstwerke
: wo ist die größere Wucht, das Thema
zu behandeln? Bei unserem Beispiel also das
versunkene Lesen! Gehen wir der Formensprache
beider Kunstwerke nach, so werden wir
finden, daß Dürer das Plastische, Zeichnerische
und Malerische des Vorganges „Lesen" mit
Meisterhand kombiniert, daß das Ambrosius-
Bild aber das rein Malerische des Ausdrucks
erfaßt, daß es also von allem Mannigfaltigen
und Besonderen, also von allem sinnlichen Eindruck
absehen muß, um die Idee zum Ausdruck
zu bringen, die Idee, die das Allgemeine und Einfache
ist. Das Dürersche Sehen ist unserem rationalen
, verstandesmäßigen, praktischen Sehen
verwandt, wenn auch gesteigert, die Ausdruckskunst
des Ambrosiusbildes aber kann, eben darum
weil sie sich freihalten muß vom Wissen
um das Mannigfaltige und Besondere, weil sie
rein bleiben muß, um mit Goethe zu reden,
sich nur eines MitteJs bedienen, sie muß einseitig
sein, damit das Erschaute (nicht das Gesehene
) rein und intuitiv zur Darstellung kommen
kann.

Solch künstlerisches Schauen haben wirinEuropa
nur im frühen Mittelalter gehabt, als die Seele
noch die Einheit mit dem Geistigen, dem Göttlichen
, nicht verloren hatte, als sie selmsüchtig
zu ihm aufstrebte, als der Verstand sich noch
nicht mit seinem Wissen um das Mannigfaltige
zwischen Seele und Gott geschoben hatte. Nach


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