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KARL HOFER. SELBSTBILDNIS. 1926
KARL HOFER
Es gibt, viele Maler, die sich mit der Gegenwart
auseinanderzusetzen suchen. Sie malen soziales
Elend, revolutionäre Anklagen, amerikanistische
Entgeistigung, Kakaphonie des künstlichen
Lichts, die Nachtseiten des Daseins mit Morphium
, Irrenhäusern und Freudenhäusern oder
die Entartung einer ins Verzerrte wachsenden
Physiologie.
Es gibt Maler, die scheinbar unberührt von all
dem Chaos den ewigen Dingen nachhängen. Sie
könnten auf Inseln leben. Die Nöte Europas
scheinen sie nichts anzugehen, sie malen ihre
Die Genehmigung zur Reproduktion der in diesem Aufsatze
gezeigten Bilder verdanken wir dem freundlichen Entgegenkommen
der Galerie Flechlheim, Berlin-Düsseldorf.
Sehnsucht in der heiteren Freiheit einer paradiesischen
menschlichen Gestalt, in dem kostbaren
Hauch der Epidermis von Früchten und
Blumen oder in den geheimnisvollen Konstruktionen
der ewigen Landschaften.
Zu beiden gehört Karl Hofer nicht. Er ist eminent
gegenwärtig und zeitlos zugleich. Für Karl
Hofer ist das Erleben der Gegenwart zum Formprinzip
geworden, das er an den zeitlosen Dingen
mißt. Wo wird es dem Beschauer so deutlich
klar wie hier, daß diese Menschen, Blumen und
toten Dinge in keiner anderen Zeit als in der
unseren gemalt sein könnten!
Das Hofersehe Werk ist ein rastloses Suchen
nach den Formprinzipien, die den bildmäßigen
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