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KARL HOFER. GROTTO RONCSCIT. 1926
die keine weiche Linie zu gestatten scheint, so
wird seine Farbe nun bräunlich und spröde, und
alle Heiterkeit macht einem asketischen Ernst
Platz.
An dieser Stelle setzten Kritik und Publikum
ein. Man bedauerte diesen ernsten, konstruktivistischen
Zug. Man sah darin ein Zurücktreten
des Künstlers aus dem Reich der Erscheinung
, einen abstrahierenden und mathematischen
Willen, nichts ahnend, daß hier nur
ein Ubergang sprach, und daß etwas Neues, Elementares
in der Stille wuchs.
Auf alle diese Einwände äußerte Hofer einmal,
daß man beim Bau einer Kathedrale erst die
Architektur schaffen müsse, bevor man mit dem
Zierat und den bunten Glasfenstern beginnen
könne. — Denn schon jetzt wird offenbar, daß das
Werk dieses Malers nach einem groß angelegten
Plan geschaffen wird. Es handelt sich nicht um
Schöpfungen nach einem augenblicklichen Gefühlsimpuls
, sondern hier ist ein Wille amWerke,
der, wi e der radikalste Ver treter a bstrak ter Malerei
, die Unmöglichkeit, erkannte, einfach „weiter-
zumalen", darüber hinaus doch die Notwendigkeit
fühlte, von Grund aus die Welt der Farbe
und Form neu aufzubauen.
So bedeutete jedes neue Bild einen kämpferischen
Schritt zur Eroberung neuer Bezirke. In
die völlige Windstille hinein, in das spröde Dunkel
der Farbe, in die geraden Gestänge der Gerüste
klang plötzlich eine sanfte Kurve oder ein
zarter Farbton wie eine neue, frühlingshafte
Melodie. Der Fluß einer schönen Einie aber
oder ein bunter Fleck dröhnte nach all dieser
Beschränkung wie ein Posaunenstoß. Noch ist
die Malerei Hofers mit diesen Mitteln unendlich
sparsam und wählerisch. Aber schon ist
der Augenblick gekommen, wo man ein deutliches
Musizieren vernimmt. Gerade die letzten
Bilder sind streng und klar gebaut, während
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