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bereits eine neue Farbskala in ungewöhnlicher
Reinheit aus ihnen leuchtet. Da liegt eine nackte
Frau vor einem gelben Badeteppich, von dem
sich ein zartviolettes Kissen abhebt. Oder und
vor allem sind es die italienischen Landschaften,
die in den letzten beiden Jahren entstanden.
Diese Bilder aus dem Tessin zeigen nicht jene
getürmten Kuben, die das konstruktivistische
Wollen der Gegenwart nun schon allzu häufig
verkünden. Man sieht Häuser und Kirchtürme
mit flachen Giebeldächern, die sich im hellen
Schlaglicht einer Mittagssonne scharf beschattet
von den dunklen Kulissen des Gebirges abheben,
oder Dörfer oder Etagenhäuser mit spärlichem
Grün, aber in einer neuen Leuchtkraft der Farben
, die streng und von unendlicher Klarheit ist.
Es ist in Deutschland nicht häufig, daß ein Maler
von Bedeutung, der nicht Intellektualist, sondern
vor allem Künstler ist, bewußt nach einem solchen
groß angelegten Plan arbeitet. Das Werk
gibt ihm recht, und man müßte Außergewöhnliches
von einem solch überlegenen Schallen
erwarten.
Durch all diese Bilder geht ein frühlingshafter
Zug, wie wir ihn auf gewissen Bildern des Quattrocento
wiederfinden. Es ist eine knospenhafte
Zartheit etwa in der Berührung zweier Liebenden
, die zugleich herb und fast bäuerlich ist,
so daß man an keinen anderen als den Umbrier
Signorelli denken muß. So sind etwa die drei
sich umarmenden Frauen der „Auferweckung
der Toten" im Dorn von Orvieto in ihrer gestrafften
Konturierung, in der Gradlinigkeit
ihrer Überschneidungen, in der Zurückhaltung
ihrer zarten Umarmung, in ihrem bräunlichen
Farbton aus einem verwandten Stilwillen geschaffen
worden.
Hofer ist Süddeutscher. Wüßte man dies nicht,
so wäre man versucht, bei oberflächlicher Betrachtung
, in solch betonter straffer Diszipli-
nierung fast etwas Preußisches zu sehen. Aber
ein tieferes Erfassen dieser Kunst mit ihrem
Erbe an alter malerischer Kultur verweist sie
nach Süddeutschland und zeigt, daß ihre Wurzeln
auch jenseits des Rheins liegen. Ein solcher
Wille zur Klarheit, eine solche Eindämmung
der Gefühlswerte, eine solche Stereometrie der
Bildaufteilung ist sonst nur in Frankreich zu
finden. Sie geht gradlinig auf den zurück, der
als erster nach einer Form Verfestigung wieder
strebte: Cezanne. Und die Wiederkehr jenes
Flarlekin des „Mardi Gras" ist mehr als eine
rein stoffliche Übernahme.
Bewußt schreitet Hofer auf diesem Wege weiter.
Die Parallelen zu dem Alters- und Generationsgenossen
Andre Derain bei Ausschaltung jeder
gegenseitigen Beeinflussung werden auch dem
stumpfesten Blick offenbar. Aber während der
Franzose ohne stärkeres Bemühen sein persönliches
Empfinden zurückdrängt und eine sachliche
, fast unbeteiligte Wiedergabe zu malen
versucht, so spürt man bei Hofer einen hochgespannten
Willen, der das Gefühlsmäßige unerbittlich
zurückhält, bis es sich, hervorbrechend
aus dem Reichtum einer starken Persönlichkeit,
heimlich und fast unbewußt wieder ins Bild
schleicht. Und das ist des Malers deutsches
Gesicht. Bruno E. Werner
DIE VERLEBENDIGUNG DER MUSEEN
Als Ludwig I. von Bayern seine persönlichste
und charakteristischste Kunstsammlung, die
Glyptothek, erbauen ließ, verlangte er, wie
Klenze in seinem Bericht über das Bauprogramm
mitteilt, neben den eigentlichen Sammlungsräumen
, die des Königs Antiken aufnehmen
sollten, Festsäle, welche bei innerer Beleuchtung
des Gebäudes zur Versammlung der Gesellschaft
dienen sollten, während dessen die eigentlichen
Antikensäle noch dunkel sind. Ludwig dachte
nach dem auch von Goethe in seiner „Italienischen
Reise" mitgeteilten römischen Vorbild
seine Antikensammlung durch Fackelbeleuchtung
zu verlebendigen, und in der Tat erfolgte
u. a. im Jahre 1828 eine solche Beleuchtung,
über deren „zauberische Wirkung" Schorn in
seinem Kunstblatt berichtet.
Es sei gerne zugegeben, daß es zunächst eine
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