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tätig Erlebenden offenbaren wollen. Nolde hat
eine natürliche organische Primitivität, es sind
bei ihm Formen zustande gekommen wie die
Schrift von Runen, zurückgebracht auf die einfache
unmittelbare Wirkungsweise der Naturgebilde
. Es ist bei ihm ein Sinn für Chaos (das
Wort, das man heute oft fälschlich braucht)
vorhanden, und dieser Sinn trifft bei ihm anderseits
wieder mit einer merkwürdigen einfachen
Klarheit zusammen. Die starke Farbe seiner
Gemälde, wie besonders auch die graphische
Technik entsteht in diesem Kampf und Sinn
zwischen chaotischer Auf hebung und ordnender
Niederschrift. Man erkennt schon daran ein bestimmtes
deutsches, nordisches Wesen. Und nun
den weiteren Sinn für die geistige Mitschöpferkraft
des Lichtes hinzugenommen, ersieht man
einen sehr bestimmten nordisch-deutschen rassischen
Kunstcharakter, welcher durch Emil
Nolde heute mit einer Konsequenz vertreten
wird, welche wie man sagen darf, die Nachteile
und ebenso die deutbaren und klar sich
einprägenden Vorteile einer Einseitigkeit an
sich hat; einer Einseitigkeit, die auf jeden Fall
eine große und ganz ihm eigene künstlerische
Stärke ist.
Nolde ist übrigens schon seinem Alter nach, ein
1867 geborener Nordschleswiger, nach weiten
Reisen immer wieder in seiner Heimat tätig,
ein Pionier seines eigenen künstlerischen Weges.
Er gehört, wenn auch kurze Zeit äußerlich zur
„Brücke" gehörig, nicht in die enge Front der
neuen Kunst, welche übrigens heute nicht mehr
viele gemeinsame Bedeutung hat, während die
wenigen einzelnen von Bedeutung jetzt allein
heraustreten. Und unter diesen steht Nolde als
freie Persönlichkeit. Nolde ist allerdings nicht
bloß künstlerischer Eigencharakter, nicht bloß
entsprechend seinem Alter ein Mittelsmann
nach rückwärts, sondern wie man in Zukunft
wohl noch mehr sehen wird, in manchem Zuge
seiner Erlebnisart deutlich ein Herkommender
aus einer Generation, die mit Namen wie Klinger
oder Böcklin bezeichnet wird. Aber in diesem,
übrigens durch seine nordische Eigenart sehr
verdeckten Zusammenhang liegt das Beschränkende
. Dagegen in seiner naturverbundenen
Herkunft, in Heimat und Bauerntum, woher er
aufbricht, und in der Einsamkeit eines tief in
sich hinein erlebenden Willens und Gestaltsuchens
, nicht zuletzt im Bedürfnis nach Inhalt,
fortgetrieben wiederum durch nordische Unbe-
dingtheit, liegt das Ausweitende.
Gerade der Inhalt, jene geistige Sinnerfüllung
der Formen von den alten Stoffen her, ein
gemeinsam in Figur und Entfigurisierung gesuchtes
Innewerden neuer Erlebungen, ver-
wesentlicht in einem schweren nordischen und
doch wieder zu formal leichter Handlung aufgerafften
Gemüt, darin liegt eine weite und
teilweise unerhörte Blut- und Farbwahrheit
heutiger geistiger ßekümmerung. Vom Bauerntümlichen
bis zum christlich Religiösen, ja in
manchen Bildern fast bis zum theologisch Thematischen
, ein solches Durchstoßen des einzelnen
durch künstlerisch beruhigle Konventionen
, das selbständig in die Anfänge der
neuen Kunst gehört, ist nicht gleichgültig. Es
ist ein Bekenntnis in der Zeit und über die
Zeit hinweg. Gegenüber all den sozialen oder
sonst begrifflichen Verkleinerungen rührt sich
in einem Einzelnen das Ewige im Daseinsgrunde
. Nolde drückt dieses Bekenntnis aus
in der scheinbaren Vorausset zungslosigkeit
und Willkürlichkeit seiner Werke. Aber das
Geisternde, mit harter schwerer Farbe erdnahe
Gemachte darin ist wirklicher als die
vielen kleineren Wirklichkeiten, an denen sich
die Kunst heute vielfach festhalten und aufrichten
zu können glaubt.
Man darf diese weitere Einstellung vorausschicken
, um auch für das graphische Schaffen
Noldes anzugeben, in welcher größeren Welt
der Sinne und des Geistigen ihre sonst vielleicht
sprunghaft scheinende Abseitigkeit ihren
Nährboden hat. Vom Bäuerlichen bis zum
Märchenhaften, Exotischen oder Biblischen,
vom Landschaftlichen bis zum Gesellschaftlichen
oder Grotesken oder zur literarisch
modischen Atmosphäre, alles ruht bei Nolde
doch letztlich auf dem Grunde einer bestimmten
Natur oder wendet sich immer wieder dahin
zurück. Gerade auch das Technische, so frei
und spielend in Flecken und Umrissen es manchmal
aussieht, ist für Nolde ein natürlicher Grund
und Ursprung, aus dem heraus sich die Wirkung
wie eingesenkt oder ausgegraben erhebt.
Die Technik ist bei ihm so wenig zu einer einsinnig
gehandhabten Formel geworden, daß sie
bei Lithographie, Holzschnitt oder Radierung
immer eine ganz verschiedene Bildwirkung erbringt
. Nolde hat gerade hier gegenüber den
landläufigen graphischen Begriffen eine ganz
besondere Bedeutung. Oft ist die Technik, be-
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