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WILLY PR'EETORIUS. RUHENDES MÄDCHEN
""Medium der Form und Farbe schaubar gemacht
wurden. In seine Porträts hat Willy Preetorius,
ohne Psychologie hineinzugeheimnissen, seine
Meinung über die Porträtierten, sein Urteil
über ihr menschliches Wesen gelegt, und da es
meist bedeutende Menschen sind, die er konterfeite
, Künstler, Musiker, Dichter von Rang,
so haben diese gemalten Urleile erhöhte Geltung
. Mit seinen Landschaften, die in seinem
Schaffen das Primäre sind — wie bei Corot, der
zuweilen wahrhaft geniale Porträts malte, doch
immer der Eindruck des Landschafters als die
Dominante seines Schaffens bestehen bleibt —,
verhält es sich ähnlich. Er geht nicht hin, stellt
seine Staffelei auf und malt Zug um Zug, Falte
um Falte, Baum um Baum, Berg um Berg einer
Landschaft ab. Aber das „Erdleben", wie Ca-
rus das Porträthafte einer Landschaft nannte,
bleibt ihm gleichwohl nicht stumm. Studien vor
der Natur entstehen. Jedes Detail, das, aus der
speziellen Landschaft gewonnen, dazu dienen
kann, das Gesamtbild der Natur aufzubauen,
also sozusagen die Elemente des Kosmischen,
hat er sich in gründlicher Anschauung und
getreuer Nachbildung erarbeitet. Es ruht in
seinem Wissensschatz, ist nicht mehr nur Objekt
der Vorstellung, geahnt, sondern gehört
ihm zu eigen, ist sein.
Die italienischen Landschaften, die Rottmann
unter den Arkaden des Münchner Hofgartens
malte, geben ein sublimiertes,idealisiertesItalien;
sie haben auch mit jener italienischen Wirklichkeit
, die Rottmann vor etwa dreiviertel
Jahrhunderten kennenlernte, nichts gemein.
Und doch geben sie mir heute noch ein überwältigenderes
, zwingenderes, mein Empfinden
stärker aufwühlendes Bild von Italien als z. B.
die kürzlich entstandenen prachtvollen Tatsachen
-Photographien, die Hielscher von dem
heutigen Italien mitbrachte. Denn bei Rott-
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