http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_55_1927/0328
ALEXANDER JAKOWLEW. LOGE IN EINEM CHINESISCHEN THEATER
berühmte hei mliche,nocholTenkundige„Träne".
Dieses „Gemüt", diese Trockenlegung der
Tränendrüse ist modern. Reicht in die Mentalität
Neurußlands hinein. Vor kurzem würde
man es noch amerikanisch nennen. Doch sieht
man näher zu, so unterscheiden sich die neurussischen
Kunstformen in der Malerei nicht
allzusehr von den alten. Beide sind doktrinär,
tendenziös und verbohrt — absolut literarisch.
Ob Genre oder Konstruktivismus ist hier nur
Äußerlichkeit. Gemalte Schlagvvorte, und dennoch
keine Malerei. Und kaum ist der Konstruktivismus
von der Zei ts tröm ung und der Regier un g
wieder abgesetzt, da sehen wir in Rußland das
alte Genrebild wieder in Blüte, wenn auch ohne
die akademische Meisterschaft der alten Generation
.
Jakowlew aber steht auf seiner Brücke, „von jedem
Zweck genesen". Schaut aus, bald nach
Osten, bald nach Süden, erspäht einen Winkel,
und ist bald ein Bürger dieser Atmosphäre.
Diese Anpassungsfähigkeit ist nicht russisch.
Doch das Russenlum zielt darauf hin.
In Rußland ist man gegenwärtig wieder stark
auf der Suche nach Malern, die was erzählen
können, nach Malern mit akademischem Können
,mit dem „Herzen am rechten Fleck".Früher
nannte man sie Wanderaussteller, deren Führer
der noch immer unübertroffene Greis, der Kosak
Jlja Repin ist. Und Jakowlew, der größte
Könner unter den gegenwärtigen Russen, mit
der Leich ligkei t, mit welcher sein Auge ein Stück
Leben erfaßt, umfaßt und verarbeitet, d.h. komponiert
, wäre für Neurußland der Mann. Nur
hat er das „ Herz " weder am rechten Flecke, noch
am unrechten — er hat es überhaupt nicht. Er
kennt nur das eine Ziel, abzuzeichnen. Aber
beweisen will er nichts, kann es auch nicht.
Und daß er nicht will, was er nicht kann, diese
Schwäche wird seine Stärke. Die Not seiner Malerei
wird die Tugend seiner Zeichnung.
Pawel Barch an
302
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_55_1927/0328