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EIN MÜNCHNER BILD VON HANS VON MAREES
ZUR ERINNERUNG AN DEN 5. JUNI 1887
Marees kam im Winter 1857 nach München.
Er zählte noch nicht zwanzig und war bereits
fünf Jahre bei der Kunst. Angefangen hat er
im Frühjahr 53 in Berlin. Seine beiden Berliner
Lehrer haben ihm wenig behagt, und noch geringere
Freude haben Holbein und Steffeck an
dem Jüngling gehabt, dessen wesentliche Begabung
sich allem Anschein nach auf ein besonders
entwickeltes und renitentes Mundwerk beschränkte
. Beide haben ihn nach kurzer Frist
an die Luft gesetzt. Dann hat er in Koblenz
sein Jahr abgedient und ist nachher eine Weile
in Wörlitz bei Dessau bei seinem Onkel Forstmeister
gewesen, wo er möglichst brav die Pferde
des Herzogs porträtiert hat. Seine fünf kleinen
Wörlitzer Pferdebilder, die von dem jüngst
vorgenommenen Verkauf des herzoglichen Besitzes
nicht betroffen wurden und in Dessau
bleiben, verraten nichts Besonderes. Erst in
München kommt Marees zu sich, und zwar
ohne fremde Hilfe. Man weiß von vielen, denen
er mit ein paar kräftigen Strichen verfahrene
Bilder zurechtstutzte, weshalb ihn die Kameraden
den Feldscher nannten; dagegen hat er
sich hier und überall allein durchgefressen,
einer jener nordischen „ Kohlenbeißer", zu denen
auch van Gogh gehörte, die sich mit ihrem
Dickkopf auch durch den dicksten Berg durchwühlen
, wenn er gerade vor ihnen steht. Meistens
sind es eingebildete und herzlich unbedeutende
Eigenbrötler, deren Dickkopf nur von verworrenem
alten Kram gefüllt ist, und zuweilen,
einmal unter hunderttausend, kom m t ein Marees,
ein van Gogh zum Vorschein.
Die sieben Jahre, die Marees in München verbrachte
, sind die sieben holländischen Jahre
van Goghs. Bei beiden kommt der letzte und
entscheidende Durchbruch in der Fremde, wenn
die einheimische Kulisse fällt und der Zauber
der neuen Umwelt die Kräfte des Einsamen
zur äußersten Anstrengung spannt. In den Vorjahren
liegt viel belangloses Zeug herum, das
verspätete Verhimmelung, unterstützt von verantwortungslosem
Trödel des Kunsthandels, zur
unsinnigen Geltung gebracht hat, aber die Vorjahre
, die das Gefäß bereiteten, sind deshalb
nicht zu unterschätzen. Marees hat während
dieser Zeit malen gelernt und das erworben,
was er seine „Fleckentechnik" nannte, das Mittel
des Improvisators, das ihm in München half,
ohne strenge Zeichnung auszukommen und den
Eindruck der Erscheinung lyrisch festzuhalten,
und das ihm später in Rom, als er für den Bau
seiner Vorstellung höhere Ansprüche stellte
und ein klassischer Zeichner geworden war, zu
immer noch größtem Nutzen gereichen sollte,
da es ihm erlaubte, die Massen des Bildes vor
erstarrter Stilisierung zu schützen.
Eine der bedeutendsten Etappen des Weges
ist das jetzt in den Besitz der Kunsthandlung
Nicolai gelangte Gemälde, „Die Rast am Waldesrand
". Es fällt in das letzte Stück des reichen
Jahres 1863, das u. a. auch das Doppelbildnis
Marees-Lenbach und das bezaubernde „Bad
der Diana" entstehen sah. Es war der erste
öffentliche und ein nicht zu unterschätzender
metallener Erfolg. Die Münchner Kunstkritik
sah in dem Bild eine neue Richtung, die aller
Phrasen entsagte und sich zu einer tendenzlosen
Wahrheit bekannte. Akademiker, die nichts
von Courbet ahnten,schimpften auf den Naturalismus
, und neben dem „Bad der Diana" mag
das Bild tatsächlich der Realität näher erscheinen
, zumal wenn man an die „Schwemme",
das letzte Münchner Bild, dem die „Rast" als
Vorstufe diente, denkt. Marees sammelte in
dem Werk alles von nordischen Meistern, zumal
von den Holländern Gelernte und sagte
sich endgültig von der kreidigen Farbe der banalen
Militärbilder los, mit deren Erlös er vor-
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