http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_55_1927/0366
ALBERT BIRKLE. AUS TIROL. AKADEMIEAUSSTELLUNG BERLIN
billigen Manier verfallen, die immer ungenießbarer
und durchsichtiger wird. Eine neue Bedeutung
gewinnt neben dem Stilleben das Porträt.
„Der kleine Perls" von Rudolf Levy hat Leuchtkraft
und Humor. Neben einem etwas zerfahrenen
Selbstbildnis zeigt Gert Wollheim ein
Frauenbildnis „Weekend Göttin", hinter dessen
malerischer Virtuosität man allerdings immer
noch Gesicht und Substanz vermißt. Das Porträt
des Chilenen und die „Mädchen auf der Terrasse
" lassen erkennen, daß der Maler Oscar Ga-
well einen beträchtlichen W^eg zu einem guten
Ziel hinter sich hat. Vor allem die Mädchen vor
der italienischen Landschaft in ihrer Klarheit
und abendlichen Stille besitzen eine reife, neugewonnene
Reinheit der Farbe, die den Künstler
als einender zukunftsreichsten jüngeren Maler
der Ausstellung erkennen läßt.
August Wilhelm Dreßler ist ebenfalls bemerkenswert
. Sein Bildnis der Frau Dr. H. nimmt
die abgerissene Tradition der späten Romantik
in einer sehr lebendigen, entwicklungsfähigen
Weise wieder auf. Bei einer gewissen Stilisierung
hinterlassen die beiden Bilder von Albert Birkle
einen nachhaltigen Eindruck mit ihrer körnigen,
eigenwilligen Malweise, die eine Tiroler Landschaft
oder eine Berliner Straße in ein visionäres
Geheimnis hüllt.
Kokoschkas Bildnis des Professors Kestenberg
gehört zu den bedeutsamsten Wrerken. Es
beweist aufs neue, wie sehr man mit diesem
Maler rechnen muß. Morbides vereint sich
seltsam mit Urwüchsigem. Aber was da steht,
besitzt ein geisterndes Leben und eine seelische
W^ucht, wie wir sie nicht oft verspüren.
Bruno E. Werner
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