Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 55. Band.1927
Seite: 377
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_55_1927/0409
genossenschaft losgelöst und eine eigene neue
Gruppe, die „Neue MünchnerKünstlergenossen-
schaft", gegründet. Später haben sie sich dann
mit der Luitpold-Gruppe (die auch einmal
der Auffrischung und Verjüngung bedarf, denn
sie ist trotz all des Guten und Gediegenen,
das in ihr beschlossen ist, zu sehr ruhendes
Moment geworden) zu einer Interessengemeinschaft
zusammengeschlossen. Ohne Zweifel findet
man bei beiden Gruppen nicht allein künstlerischen
Ernst, sondern auch starkes Wollen
und respektgebietendes Können. Aber neben
der vielleicht rücksichtslosen, selbst auf Kosten
der Tradition durchgeführten Erneuerung
ist hier mehr Beharrung, vielleicht zu
viel Beharrung. Gerade eine neue ins Leben
tretende Gruppe muß etwas wagen. Sie darf's,
sie kann's, wenn soviel Positives hinter ihr steht
wie hier. Die „Bayern" bewahren auch ihr herkömmliches
Gesicht allzu treu, und der „Bund",
der übrigens in seiner märchenseligen Art wie
der Sammelpunkt aller Romantik-Verschwore-
nen anmutet, wandelt auf seinen weltabgekehrten
blumenbestreuten Wegen weiter. Auch die
„Juryfreien" sind wieder da, ebenso die vielen
Fachverbände der Graphiker, der Original-Radierer
, der Süddeutschen Illustratoren, der
Bund zeichnender Künstler und die Aquarellisten
, die in einigen Werken ihres vor Jahresfrist
verstorbenen Mitglieds Rene Reinicke
wahre Kleinodien in ihrem Sälchen haben.

Bei der „Secession" geht es ruhig und gesetzt zu.
Einige neue künstlerische Erscheinungen, die
mehr heraustreten, bucht man mit Genugtuung.
Vor allem Otto Schön, der tatsächlich den gelungenen
Versuch unternimmt, die sogenannte
„Neue Sachlichkeit" durch ihre eigenen Mittel
ad absurdum zu führen, d. h. Bilder von großer
Schönheit und Schlichtheit sachlich und in
nobler Selbstbescheidung, ohne Prinzipienreiterei
zu malen. Wilhelm Heise ist eine ihm
verwandte Erscheinung, aber er ist romantischer,
hat weitere Hintergründe. Großmanns Entwicklung
als Landschafter kann stark interessieren.
Hier ist echtes zeitgenössisches Naturgefühl.
Schwalbach, zeichnerischer als früher, tastet sich
auch in Stimmung und Gefühl vor zu neuen
Bezirken. Die Wand, an der seine Bilder, auch
im Nebeneinander wie ein edler Bau wirkend,
beisammen sind, ist eine der anziehendsten Gegenden
im Garten der Secession. Ludwig Bock,
der ausgezeichnete Kolorist, läßt mit der Serie
seiner Stilleben Farbengedichte aufleuchten.
Sepp Frank bleibt auf dem Weg zu Grecos
Landschaftskunst, zu Toledo hin. Endlich einmal
ist auch Paul Thalheimer mit seiner Kunst,
in der sich Dekoratives seltsam mit Mystischem,
farbige Wirkung mitheiligmäßiger Empfindung
verbindet, so herausgekommen, wie man es seit
langem erwartete. Seine Bilder sind an bevorzugtem
Platz sehr glücklich gehängt. Seyler,
Bechstein, Richard Klein, Hommel, Altherr,
Putz, der wieder einmal eine starke Probe seiner
immer noch vorwiegend dekorativ gerichteten
Malerei gibt, bedeuten Höhepunkte. Ein sinnfälliger
, namentlich auf den stofflich interessierten
Ausstellungsbesucher wirkender „Clou"
ist Hermann Groebers figurenreiches Gruppenbild
mit der Sitzung des Verwaltungsrats des
Farbwerke-Konzerns. Alle „Führer" sind da:
Stuck mit einer in verhaltener Farbigkeit dunkel,
glasfensterhaft glühenden Wand kleinerer,
gleichsam kunstgewerblich angefaßter Figurenbilder
, Naager mit breit hingesetzter, immer
anziehender Fapresto-Malerei, die diesmal das
ihr angemessene Format zerbricht, Samberger
mit einem stattlichen Saal, der ausschließlich
Kohlezeichnungen bringt, überwiegend Bildnisse
, von denen man freilich die meisten schon
kennt: trotzdem ist es ein Genuß, diese geistreich
und genial hingeschriebenen physiogno-
mischen Studien berühmter Männer, vor allem
der engeren Kunstgenossen Sambergers, wieder
einmal beisammen zu haben. Habermann hat
gar ein neues Motiv aufgegriffen, das kompo-
sitionell reizvoll ist: in ein schmales Hochformat
setzte er die Legende vom Gaukler Unserer
Lieben Frau. Benno Becker füllt ein abseitiges
Sälchen mit stillen innigen Landschaften meist
italienischen Ursprungs, es ist zarte Kunst, wie
verwehter Klang tönt sie zu den lauteren Nachbarn
herüber.

Die schönste Gabe aber ist die Sammelausstellung
des Grafen Leopold von Kalckreuth.
Dieser abseits vom lauten Kunstbetrieb lebende
Meister der Malerei ist immer seine eigenen
Wege gegangen. Er hat sich nie um Richtungen
und Moden gekümmert, sondern hielt es für
das Wichtigste und Richtigste, allezeit so gut
als möglich zu malen. Das übrige konnte er
unbesorgt der Zuverlässigkeit seines menschlichen
und künstlerischen Gefühls und der Noblesse
seines Menschenturas überlassen. Die an-

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