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JULIUS SEYLER. HAFEN VON DOUELLAN, BRETAGNE
Glaspalast München
romantischen Generation sind außerstande, ein
satirisches Ziel zu treffen, wie es unwiderleglich
die salzlosen Possen des großen Gottfried Schadow
über Napoleon und die Franzosen beweisen.
Erst der Sieg des eigentlichen Bürgertums in der
deutschen Kultur um 1830 hat den witzigen Bildglossen
zu ihrem Becht verholfen. Was uns an
Hasenclevers Spießerkonventikeln und Jobsiaden,
an Hosemanns Berliner Typen und Bedensarten
noch heute mit der Frische unverwelkten Humors
anrührt, ist die unfreiwillige Komik, mit
der sich kleine Seelen großartig spreizen; ist die
donquijotehafte Spannung zwischen dem Anspruch
auf eminente Wichtigkeit der eigenen
werten Person und ihrer abgründigen Nichtigkeit
, die der Maler durchschaut.
Hier ist die bildliche Form des Witzigen völlig
ausgeprägt. Durch Mittel der Darstellung — bei
Hosemann und Schrödter sind es bereits die
wesenhaften der Graphik — wird eine Übertreibung
und zugleich Vereinfachung des Lebens
geleistet, die das Widerspruchsvolle als Komik
stabiliert; es ist der Standpunkt des Humoristen,
der die Absurdität des Weltlaufs erkennt und
durch diesen Kontrast die Hoheit des wahrhaft
Menschlichen durchschimmern läßt.
Unter diese Kategorie aber gehört nun auch die
Satire von ganz modernen Zeichnern wie Gul-
bransson und George Groß. Beide geben, in verschiedener
Intensität, das einseitige Auftreiben
einzelner menschlicher Eigenschaften, die sie
entweder zur Charakterisierung von Persönlichkeiten
verwenden, wie Gulbransson, oder zu vernichtender
Kritik an sozialen und politischen
Schäden, worauf Groß' unerhörte Wirkung beruht
. IhreTendenz zielt auf groteskeÜbertreibung,
auf gigantische Zerrung des Menschlichen über
oder unter das Niveau des Normalen.
Nun aber Wilhelm Busch, der bittere Glossator
des „erbärmlichen Behagens" der Allzuvielen,
die es nicht merken, wie sie durch den Kakao
gezogen werden und seine Albums auf ihren Ver-
tikows herumliegen lassen. Busch ist nicht nur
der Vollender und unübertroffene Meister der
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