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MODERNE SCHAUFENSTER
-DEKORATION
Der erfreuliche Zug unserer Zeit, allen unseren
Lebensbetätigungen ein künstlerisches Gepräge
zu verleihen, hat sich auch des kaufmännischen
Gebietes und im besonderen des Schaufensters
bemächtigt. Wie Goethe alles Geben und Nehmen
dem Bannkreis der Grazien einordnet, so
soll fortan auch dem kaufmännischen Verkehr
die künstlerische Schönheitslinie nicht mehr fehlen
. Wird der Blick des Kauflustigen zunächst
auch vorwiegend durch die ausgestellte Ware
selbst gefesselt, so wird doch niemand bestreiten,
daß die künstlerisch angeordnete Darbietung der
Gegenstände auch den innerlich Unbeteiligten
fesselt und so den Absichten des Verkäufers
dient. Mancherlei Ansätze und Wettbewerbe
haben gezeigt, daß es am guten Willen und Talent
nicht fehlt. Aber es blieb eben bei unzusammenhängenden
Versuchen, denen es an Fühlung
mit lebendiger Kunst unverkennbar gebrach
. Erst wenn von dieser Seite aus Anregungen
ergingen, war mit einem erheblichen Fortschritt
zu rechnen.
Dieser ist eingetreten, indem dieReimann-Schule
zu Berlin in der angegliederten „HöherenFachschule
für Dekorationskunst" eine besondere
Lehranstalt für die Schaufensterkunst errichtet
hat, die seit fast einem Jahr unter der Leitung
des Chefdekorateurs Georg Fischer aufblüht.
Vorzügliche Kräfte wie der geniale Oswald Herzog
haben sich hier lehrend und schaffend betätigt
. Auf Veranlassung des Landesarbeitsamts
Berlin wurde der Kursus für Schaufensterdekorateure
an der Reimannschule eröffnet und die
Gemeinde Schöneberg stellte beträchtliche
Räume ihres neuen Rathauses zur Verfügung.
Eine ganze Flucht von Kabinen und ein gewaltiges
Lager von Waren und Attrappen fordern
nun zum Wettkampf heraus. Ein Laden zeigt
Künstlerbaukasten. Die Schaufläche ist mit großen
, schrägen Farbenstreifen und grellen Kreisen
expressionistisch gegliedert und unterstreicht die
ausgestellte Ware doppelt und dreifach. Das rein
künstlerische Moment überwiegt durchaus. Oder
ein Bücherladen in diagonalen Brettern, braun,
goldrot, buchfarben, zaubert dieMyriadenMük-
ken aus Faust II hervor. Der „Trockne Schleicher
" ist hier zu Haus. — Damenschuhe. „Wie
anders —Die graziöse Linie des Schuhs wirkt
sich in den Grundlinien des bogenreichenLadenbildes
aus. Eine Südfruchthandlung läßt ein
glückhaftes Märchenschiff mit futuristischen
Segeln aufziehen und bietet neben lukullischen
auch reine Kunstgenüsse. Eine Porzellanhandlung
steigert ihre Erzeugnisse zu denkmalsmäßigem
Auf bau, dessen Anstieg und Fall fließende
Vorhänge betonen. Aus einem Seidenmagazin
schreitet die fleischgewordene Mode lässig umwallt
einher und läßt alle Reize des umhüllenden
Stoffes spielen. Die Firma Gilka aber zaubert
eine Ballettrevue ihrer wie Tillergirls sich aufreihenden
Flaschen in langen Fronten und ku-
bistischen Wunderkonturen herauf. Keinem der
Entwürfe kommt normhafte Geltung zu, jeder
erlaubt zahllose Varianten; aber keinem einzigen
ist daher der enge Kontakt mit höchster
moderner Kunst abzusprechen, und damit ist
die gestellte Aufgabe wohl gelöst. Werden die
dort gegebenen Anregungen nun in die Wirklichkeit
des Großstadtbildes umgesetzt, so ist
das als ein wahrer Kulturfortschritt zu begrüßen.
Carl Fries
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