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A.HELBIG. PENDEL, SEIDE UND MESSING
häuser für die Meister, und in jüngster Zeit die
ersten 60 Kleinhäuser der Wohnsiedlung für
Arbeiter im Vorort Törten. Gropius hat hier
seine Fähigkeiten an einer Aufgabe monumentalen
Charakters, an mittleren Eigenhäusern und
an billigen Arbeiterheimstätten erwiesen; und
dies jedesmal mit dem denkbar geringsten Auf-
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wand an Kosten und Material und dem größtmöglichen
Komfort an industrieller und an
Wohn-Funktion. Dies ist das Wichtigste und
der durchschlagende Beweis für die Lebenskraft
der neuen sachgemäßen Bauweise (mag
man sie Konstruktivismus oder Funktionalismus
nennen): daß sie der bisherigen bequemen
und schematischen Handarbeitsweise durchaus
überlegen ist an Schnelligkeit und Billigkeit der
Flerstellung sowie an wahrem Arbeits- und
Lebenskomfort. Heute kommt es in allererster
Linie nicht mehr darauf an, in welchem Stil
gebaut wird, und ob einheimische Handwerksgewohnheiten
erhalten werden, sondern heute
heißt es: schnell und billig und praktisch möglichst
viel Wohn- und Arbeitsraum herzustellen
. Das ist in Dessau in wahrhaft überzeugen-
derWeise erreicht worden. DerBauhauskomplex
mit seiner dreifachen Aufgabe, 32000 cbm umbauten
Raumes, durchgängig mit Spiegelglas
in ausgedehntem Maße verglast, mit äußerster
Ausnutzung moderner Technik, kostete gebrauchsfertig
nicht mehr als 800 OOO M. Die
Arbeiterhäuser in Törten, die außer einem Garten
das Einfamilienhaus mitWohnraum,Wohn-
küche (inkl.Waschküche, Bad, Zentralheizofen)
und drei Schlafzimmern zu je 2 Betten enthalten,
sind mit 38 M. im Monat zu vermieten. Ein solches
Resultat steht schlechthin einzigartig da.
Sekundär erscheint daneben die Frage nach der
Form. Indessen ist sie fast wie nebenher mit
gelöst worden. Aus der praktischen Gestaltung
von Grundriß und Raumlagerung entstand eine
Architektur, die dem Zeitalter des Flugzeugs
und Radio entspricht. Völlige Ornamentlosig-
keit bedeutet nur die negative Seite dieser Baukunst
; das kubische Prinzip glatter Flächen,
rechter Winkel, flacher Abschlüsse, unsymmetrischer
, vom Innenraum her verteilter Öffnungen,
bei Ausnutzung aller heutigen Baustoffe und
Techniken (also vor allem von Eisenbeton, Eisen
und Glas) ist zu glänzender Lösung gelangt.
Gropius hat dieDreiheit des Bauhauses in durchaus
neuer, aber überzeugender Art zu rhythmischer
Gruppe zusammengefaßt, weiße Horizontalstreifen
und Glaswände bestimmen seinen
Charakter. Er hat in den Meisterhäusern eine
w'ohlgelungene Wohnhausgruppe von strenger
kubischer Einheit geschaffen, und in den zwei
Straßenreihen der Törtener Arbeiterhäuser ein
Beispiel paralleler Horizontalität gegeben, das
in seiner Einfachheit vorbildlich in die Zukunft
weist. Dr. Paul F. Schmidt
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