http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_56_1927/0205
JOSEF HILLERBRAND. A T E LIE R S C HR A N K IN KAUKASISCHEM NUSSBAUM
Ausführung: Deutsche Werkstätten A.-G., München
KUNST UND ENTWICKLUNG
Wenn man sich zu dem Dogma der Entwicklung
bekennt und mit Demokritos annimmt,
daß alle Sinne nur Modifikationen des Tastsinnes
sind, dieser also den Ursinn darstellt, so
muß man die Vorstellung von der Gemeinsamkeit
der Herkunft aller Organismen auch
für den Bereich der Kunst gelten lassen. Auch
hier muß dann angenommen werden, daß eine
Abspaltung in verschiedene Kunstkategorien
erst allmählich, in Jahrhunderttausenden vor
sich gegangen ist und daß sie abhängig war von
der Entwicklung und dem DifFerenzierungs-
bediirfnis der Sinnesorgane. Veranlaßt durch
die organische Entwicklung oder aber diese
selbst veranlassend hat der Verstand dem Menschen
die Fähigkeit verliehen, sich den Lebenskampf
zu erleichtern und seine Hilfsmittel immer
mehr zu vervollkommnen. Aus unbeholfenen
und zufälligen Anfängen haben sich die
Fähigkeiten und Fertigkeiten des Menschen
entwickelt. Eine unbeholfene, erste mitteilungs-
bediirftige Regung war es auch, die vor urdenk-
lichen Zeiten über die nackte Notdurft hinaus,
halb Spiel und halb schon Bedeutsamkeit, eine
andere und beglückende Ausdeutung der Sinneseindrücke
zuließ. Eine solche ursprünglichste
Äußerung des künstlerischen Triebes
mußte sich notwendig auf subjektive Darstel-
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