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MITTELALTERLICHE BILDMALEREI
[n den letzten zwei Jahrzehnten ist das Interesse
für die Buchmalerei des Mittelalters und
damit die richtige Wertung und wissenschaftliche
Erschließung dieses überaus wichtigen
Kunstzweiges der Malerei, der uns für jahrzehntelange
Epochen des ganzen Mittelalters
Denkmäler der Malerei überhaupt und zwar
fast ausschließlich erhalten hat, unvergleichlich
fortgeschritten. Diese Forschungsarbeilen wurden
ihrerseits wesentlich gefördert durch die
immermehrsteigendeZahl von Reproduktionswerken
, vom einfachen Schwarzweiß-Lichtdruck
bis zu den Versuchen raffiniertester farbiger
Faksimile-Wiedergabe. So legt die Osterreichische
Staatsdruckerei in Wien, die schon
früher Ausgezeichnetes auf diesem Gebiete
geleistet hat, eine bewundernswerte Faksimile-
Wiedergabe in farbigem Lichtdruck der Wiener
Handschrift „Das Buch vom liebentbrannten
Herzen" von Rene von Anjou vor.1
Das Objekt ist den großen, vielfach einzigartigen
Schätzen an miniierten Handschriften der Wiener
National-Bibliothek entnommen. Es sind
französische Miniaturen aus den Jahren 1460/65
eines ungenannten Malers des „Guten Königs"
Rene von Anjou-Neapel, den P. Durrieu mit
dem Lieblingsmaler Renes, Barthelemy Deick,
identifizieren wollte. Der Künstler dieser Handschrift
überragt neben Jean Foucquet als gewaltige
künstlerische Persönlichkeit weit seine zeitgenössischen
Malergenossen und eröffnet mit
Foucquet, mit dem er gleichfalls der älteren
Malergruppe von Tour beizuzählen ist, einen
wichtigen Abschnitt in der Entwicklungsgeschichte
der französischen Buchmalerei. Die
Publikation der Handschrift „Das Buch vom
liebentbrannten Herzen" bringtnun diesen auch
in Frankreich nicht genügend beachteten Künstler
mit seinem Hauptwerk zur vollen Geltung-
dem berübmlen Realisten und routinierten
Zeichner Jean Foucquet tritt hier ein Malerpoet
an die Seite mit Bildern von unvergleichlichem
Liebreiz der Landschaft; insbesondere
die Wiedergabe der „Wunder des Lichtes", die
unter dem Einfluß der Brüder van Eyck und
ihrer in gleichen Spuren fortschreitenden Nachfolger
der Malerei so gewaltige neue Impulse
gegeben hatten, treten uns hier zum ersten
Male in überraschenden Lösungen entgegen
und bilden den höchsten Reiz dieses Prachtwerkes
der französischen Buchmalerei im
Ausgang des Mittelalters. In hohem Maße
zu rühmen ist die außerordentlich feine
technische Behandlung der Details. Neben
dem schon erwähnten Durrieu hat auch schon
Woltmann den Meister dieser Illustration als
einen der ganz großen Künstler seiner Zeit
gewertet.
Roman einer verschmähten Liebe: der Dichter
träumt, wie der tapfere Ritter Coeur — d. i.
sein eigen Herz, das der Liebesgott ihm im
Schlafe aus der Brust genommen — auf der
Werbefahrt um Dame Erhörung allerlei Schicksal
erlebt und sich zum Schluß, da die Dame
dem grausamen Frauenstolz erliegt, resigniert
bescheidet.
Außer den Miniaturen dieser Handschrift, die
in 18 Tafeln wiedergegeben ist, ist noch die
prachtvolle Handschrift des gleichen Künstlers
Boccaccios „Theuseus" in sechs Tafeln wiedergegeben
, in der Ausgabe der Osterreichischen
Slaatsdruckerei enthalten.
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