http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_57_1928/0157
CUNOAMIET. FRAU AMIET UND DER MALER
wandelt und ein tausendfältig Wesen ward in
einer Einheit erfaßt. Etwa in den impressionistischen
Hochleistungen der Jahre 1895—96:
„Der kranke Knabe", die „Bernerin" ist der
schwere Kampf zwischen der allzuflinken technischen
Anpassung und dem geistigen Erleben
zugunsten des letzteren endgültig ausgetragen.
Von nun an hat Amiet seine Ausdrucksmittel
sicher in der Hand. Die Gefahr, sie könnten
ihm über den Kopf wachsen, war ein für allemal
gebannt. Die „Winterlandschaft 1895" mit
ihrer kühlen und tiefen Strahlung ist Beweis
genug dafür. Doch ein neuer innerer Kampf
entbrennt, der die höhergewachsenen Kräfte
stärker anspannt. Den ewigen Gegensatz linearer
und malerischer Betrachtung, den zwischen
plastischer und pikturaler Form, mußte Amiet
für sich neuerdings austragen. Die Gestaltungen
der Jahre 1911 und 1912: „Frau und Kind", „Im
Schlafzimmer", sind die Wahrzeichen. Eines
stand von vornherein klar: Amiets Natur und
seine Naturbetrachtung waren viel zu südlich
, viel zu lateinisch, als daß er das Problem
des Malerischen im Nebligen und Schummrigen,
im schwimmend Unbestimmten gelöst gesehen
hätte. Klarheit der Form und feste Resonanz
der Farbe waren ihm doppelte Notwendigkeiten,
es durfte für ihn zwischen beiden keine Wahl
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