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ALBERT BIRKLE. SCH
LESISCHER WINTER
diese Eigenart, die sich im Kunstschaffen der
gegenwärtigen Malerei stark zeigt, stammen?
Sie ist vor allem zeitlich bedingt, in erster Linie
durch die gewalligen Eindrücke des Weltkriegs.
Wir haben zu untersuchen, wie es kommen
kann, daß ein Mensch absichtslos starr blickt,
also ohne die raschen Augenbewegungen zu
verwenden.
Starr blickt ein Mensch, der im Innern von
Willen, von Angst, von Leid, von Schuld, von
Enttäuschung, von Leidenschaft aufgewühlt ist.
Wissen wir doch alle, daß uns die Umwelt in
bitteren Zeiten so hart, so seelenlos erscheinen
kann, bis die Kampfstimmung (und Krampfstimmung
) nachläßt und sich der Friede mit
milder Ausgeglichenheit wieder in unser Herz
senkt. Wir verstehen dann kaum, wie das dieselbe
Welt sein kann, die wir in der Erregung sahen,
die die Sonne zu einer grausam harten Scheibe
machte und alles so eckig in den Raum stellte!
Die Eindrücke des Krieges aber haben die
Menschen — und die Maler aufgewühlt und sie,
ohne daß sie es ahnten, so malen lassen, wie wir
es vor uns sehen: Starre Augen haben in die
Welt geblickt und das Hervorstechende getroffen
, die Lichter scharf abgesetzt, die Linien
in erbarmungsloser Härte gezogen. Die Mitte
wurde scheinbar übertrieben groß, dieUm gebung
trat zurück und wurde nebensächlich. Es ist so,
als wenn uns das Auge eines Damenbildnisscs
von August Heitmülier von der Leinwand aus
anblickt —wir sehen es in kristallscharfer Härte,
während sich Körper und Glieder in seltsamer
Vernachlässigung dehnen und strecken. Oder
bei Straßenbildern: Sie wirken, als ob wir soeben
um die Ecke gekommen wären und im
ersten Anstarren das gegenüberliegende Haus
in aller Schärfe erfaßten.
Es sind dies Bilder, wie sie in ihrer unerbittlichen
Härte Millionen von Kämpfern aus dem
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