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KONZEPTION
VON PROFESSOR WILLI GEIGER
Universitätsprofessor Plaut, Berlin, schreibt mir
unter Hinweis darauf, daß die gleiche Anfrage
auch an die Maler Liebermann, Sievogt,
Kubin, Pechstein, Käthe Kollwitz gegangen
sei, folgendes:
„Ich bin im Rahmen desAbderhaldenschen Handbuches der
biologischen Arbeitsmethoden mit einer umfangreichen
Arbeit zur Psychologie der produktiven Persönlichkeit beschäftigt
. Dabei behandle ich auch das ebenso interessante
wie schwierige Problem des künstlerischen Gestaltungsprozesses
. Wenn man bisher die Frage behandelte: Wie
schafft der Künstler, welche Idee beseelte ihn beim Schaffen
usw., so suchte man diese nicht sehr glücklichen
Fragen rein einfühlungsmäßig zu lösen, man analysierte
das Kunstwerk wie irgendein anderes Objekt, wertete und
vergaß dabei ganz den Schaffenden. — Ich glaubte den
direkten Weg zum Gestalter gehen zu müssen; ich bitte
Sie, zu folgenden Fragen Stellung zu nehmen:
1. Wie kommt der Maler zu dem, was man so leichthin
als „Konzeption" bezeichnet; welcher seelische Prozeß
ist es, aus dem die Idee für ein neues Werk geboren
wird?
2. Welchen Weg legt der Einfall bis zum klar empfundenen
Gedankengang, Motiv oder dergleichen weiter
bis zum vollendeten Werk zurück ?
5. Spielt bei alledem das Bewußtsein eine führende Rolle
und wo, oder nicht?"
Meine Antwort auf diese Fragen ist die folgende:
„Das Kunstwerk entspringt der Phantasie, dem
Vorhof zur Konzeption; „Phantasie haben" ist
slete Bereitschaft aller ihr zu Gebote stehenden
Wirkungskomponenten. Stößt zum gesteigerten
Wachsein eines Sinnes ein auf diesen gestimmtes
Erlebnis, schallet die Konzeption ein.
Sie reagiert auf die Phantasie um so sicherer,
je mehr diese geübt wird. Phantasie ist keine
Gnade, sie ist Training. Der Vollzug eines Erlebnisses
in die Bild werdung begibt sich im
Bruchteil einer Sekunde im Uni erbewußtsein.
1. Beispiel: Aus dem Gefühl der Enge heraus,
im Kampf mit der täglichen Sorge werden die
Sinne vorwiegend dem Grauen, Freudelosen
zugewandt sein. Die Reaktion auf Quellen der
Freude wird gering, Stimmungsträger wird die
Leidempfänglichkeit sein. So vermag der auf der
Plattform aufgefangene Blick eines bedrückten
Mannes die Seele bis auf den Grund zu erschüttern
. Die Konzeption ist vollzogen; blitzartig
formt sich das Erlebnis im geistigen Auge
zu einer Vision des Leides im weiten Sinn.
2. Beispiel: Sorge ist abgerückt, Freude erfüllt
die Seele, alle Sinne sind dem Schönen, Guten,
der Freude zugekehrt, dieser alleine geöffnet.
Eine Frau kreuzt den Weg, aber nicht die mit
dem Blick vielleicht kaum gestreifte Erscheinung
, sondern eine zurückflutende Duftwelle
wird zum Erlebnis, das ohne Verzug ein Gleichnis
der Freude konzipiert. Die Welt exotischer
Blumenpracht, ein Stilleben, eine Landschaft
wird erstehen.
Es ist nicht selten, daß die Sinne nicht heftig
genug angesprungen werden, daß die Konzeption
nicht klare Bildform ergibt, daß diese nicht
zur Geburt drängt. Tritt solches ein, wird die
Seele von steter Wiederkehr der unterernährten
Vision bedrängt, bis ein stärkeres Erleben auf
gleichgestimmter Welle zur Neubefruchtung
führt.
Die Konzeption scheidet völlig aus, wenn ein
Thema gegeben ist. Dann tritt der Kalkül auf
den Plan; das Gehirn hat Generalvollmacht,
Fleiß, Disziplin, die Nutzanwendung derSumme
gemachter Erfahrung sind seine Verwalter.
Im Gegensatz zur Sekundenschnelle der schöpferischen
Konzeption wird hier der Weg zum
Ziele im Zeichen des Schweißes schwerer Stunden
stehen. So zustande gekommenes Werk
mag den Stempel der Meisterschaft tragen,
aber die hinreißende Macht der Uberzeugung
wird ihm fehlen.
Der Weg vom Einfall bis zum klar empfundenen
Gedankengang ist unendlich kurz. Des
im Unterbewußtsein geistig erschauten Bildes
bemächtigt sich ohne weiteres dessen bewußtes
Erfassen. Der weitausgreifende Arbeitsapparat
des Schaffenden tritt in Funktion; vom Augenblick
des Erkennens, des Wissens um die Vision
bis zur Vollendung der Formwerdung ist der
Künstlerin einem Zustand wacher Besessenheit;
dem Zustand einer Kreißenden nicht unähnlich
, erfüllt ihn nur der Gedanke, die Frucht abzustoßen
. Je souveräner er die Ausdrucksmittel
beherrscht, desto sicherer nähert er sich der
Entscheidung. Es gibt einen Augenblick im
Bildwerdungsprozeß, der klarstes Bewußtsein
voraussetzt, um die Erfüllung zu garantieren:
bei Uberprüfung der Lage zu erkennen, daß
jeder weitere Eingriff dem Werk den Charakter
der Schöpfung nimmt. Solches zu gegebener
Sekunde wittern, ist Gnade von Fall zu Fall."
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