Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 57. Band.1928
Seite: 181
(PDF, 100 MB)
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HERBSTAUSSTELLUNG DER AKADEMIE, BERLIN

Wie alle Jahre, so ist auch die diesjährige Ausstellung
Schwarzweißkunst, Pastellen, Aquarellen
und Plastiken gewidmet.
Das Ergebnis bleibt immer ein wenig erfreulicher
wie bei den Gemälde-Ausstellungen des
Frühjahrs. Das Schwergewicht der graphischen
Künste hat sich langsam nach Deutschland
verschoben. Fast scheint es, als sollte die Führung
, so wie es einst bereits im 15. Jahrhundert
war, wieder in unsere Hände übergehen.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen drei
Kollektiv-Ausstellungen. Käthe Kollwitz, die in
diesem Jahre ihren 60. Geburtstag feierte, gehört
der Miltelsaal. Alfred Kubin zeigt 22 graphische
Blätter und der Plastiker Fritz Koelle eine
größere Anzahl von Skulpturen.
Käthe Kollwitz ist das erste weibliche Mitglied
der Akademie. Es ist viel über sie gesagt worden
und es wäre falsch, ihr an dieser Stelle mit
ein paar hingeworfenen Worten zu nahe zu
treten. Betroffen steht man vor dem starken
Ausdruck einer Persönlichkeit, die die seltene
Einheit von Wesen und Wirken verkörpert.
Den Weg ihres m enschlichen und künstlerischen
Schicksals verkünden ihre beiden Selbstbildnisse
von 1889 und 1924. Wenn man bei dem Jugendbildnis
von einer „inneren Schönheit" sprechen
kann, so zeigt die Lithographie der 57 jährigen
einen Ausdruck von vergeistigter körperlicher
Schönheit, bei dem man erkennt, daß hier der
Geist sich den Körper gebildet hat.
Auch über Kubin ist viel geschrieben worden.
In diesem hervorragenden illustrativen Künstler
unsrer Tage steckt ein gutes Stück alter deutscher
Tradition, die bis auf die Maler der Donauschule
zurückgeht. Sein eigener skurriler Stil
ist der adäquate Ausdruck für die geheimnisvolle
Phantastik seiner Vorstellungswelt.
Der Münchner Plastiker Fritz Koelle beweist mit
seinen i 2 Bronzen eine bemerkenswerte neue
Kraft. In den Köpfen seiner Arbeilen ist manches
erreicht, wonach Meunier vergeblich gestrebt
hat. Vor allem sind sie frei von jener
Sentimentalität, die die Arbeiten des Franzosen
beeinträchtigte. Flier steht ein vitaler Mensch
von volkstümlicher Bindung. Seine Köpfe sind
tief modelliert und die rissigen ausgehöhlten
Gesichter sein er Bergarbeiter scheinen, zuweilen

spannunggeladen, flackernd, zuweilen hilflos
maskenhaft, um das Schicksal unserer Zeit zu
wissen.

Zu den stärksten Eindrücken der Ausstellung
gehören weiterhin die Rohrfederzeichnungen
von Pechstein. Bei ihrer instinktmäßigen Sicherheit
, bei ihrem strengen Willen zum Aufbau
erinnern sie nur äußerlich an van Gogh, mit
dessen manisch ekstatischerWelt ihre naive Gesundheit
nichts zu tun hat. Von einem jungen
Mannheimer Künstler Xaver Fuhr sieht man
mit Interesse vier Aquarelle mit scheinbar infantilem
Strich und sparsamen Lokalfarben und
viel Anmut. Max Neumann beweist mit zwei
venezianischen Aquarellen, daß ein künstlerisches
Auge auch dem mißbrauchtesten Gegenstand
neue Seiten abgewinnen kann. Zeichnungen
von ungewöhnlicher Grazie und Zärtlichkeit
schuf Hans Meid als Illustration zu einer
Anzahl von Kinderliedern. Rudolf Jacobi stellt
schöne tiefe und dunkle Aquarelle von Pariser
Straßen aus. George Groß ist ganz auf akademische
Geleise geraten. Seine Temperabilder
wirken leer. Anscheinend liegt seine Bedeutung
ausschließlich in der Illustration. Daß ein guter
Illustrator mehr bedeutet als ein mittelmäßiger
Maler, zeigt die Wienerin Anny Schröder mit
ein paar ausgezeichneten kleinen Holzschnitten.
Zu den schönsten farbigen Blättern der Ausstellung
gehören Heinrich Nauens Tempera-
bilder vom Mittelmeer. Sie sind von einer Reife
der Farbe, von einer ausgeglichenen schwebenden
Sicherheit der Slufung und von einer
Leuchtkraft, wie man dies selten erblickt.
Unter den Plastikern tritt diesmal neben Kolbe
mit seinem klugen und kühlen Friedländerkopf
vor allem Kurt Edzard hervor. Die beiden
Köpfe seiner Brüder straff gespannt, verraten
den Geist und die Haltung zweier Menschenschicksale
. Ernesto deFiorihat den Boxer Schmel-
lingin einerkleinenfederndenundleichtenStein-
plastik festgehalten. Rene Sintenis hat einen
kleinen Bronze-Esel von der Größe eines Hundes
ausgestellt, dessen rührende Verlassenheit,
dessen verschüchterte Frömmigkeit, dessen Vereinigung
von Gehorsam und Widerspenstigkeit
man zärtlich und beglückt betrachtet.

Bruno E. Werner

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