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verleitet ihn nie
zum „ Malerischen
". Denn
es ist kein Barock
der Oberfläche
, sondern
einer des Blutes
, des überschäumenden
Gefuhls,derdes
Pathos bedarf,
um sich zu erlösen
. — Auch
dieses Pathos
Erbgut eines
edlen Volkes !
— Dies Pathos
reißt über die
Einzelheit hinaus
, — es geschieht
denn
auch, daß Details
in der Maniersteckenblei
ben
,—schwingt
aus ins Ganze.
Und darüber
noch hinaus in
die Architektur
.
Meätrovieistso
sehr Plastiker, daß er hineingerissen wird in
die Ursprünge plastischer Kunst, ins Bauwerk
. Schon inhaltlich - motivisch bedarf er,
der Zyklenbildner, der Fassung seiner Gestalten
im Tempel. Aber zum Bauen treibt es
ihn auch kraft dieser sich selbst überholenden
plastischen Urkraft. Sein Entwurf des Kossovo-
Tempels, der all diese Gestalten der Sage fassen,
zur Fuge steigern sollte, mußte Traum bleiben.
Als Modell hat er ihn 1911 ausgestellt in Rom.
Ein stolzes Projekt von gigantischen Ausmaßen,
wie es eben nur der Traum eines ganzen Volkes
gebären kann. In diesem Kuppeltempel mit dem
denkmalhaft daneben errichteten Turm verrät
sich auch deutlicher als im plastischen Werk
jene Gegenspannung zu der Grundspannung
dieses Schaffens, die wir mit „Mythos und Europa
" anzudeuten suchten: —jene von Ost und
West. Das Byzantinische herrscht in der Wahl
der Baugedanken und gerät in fruchtbaren
Gegensatz zu dem Europäischen der Gestaltenwelt
. Wirklichkeit wurde diese Architektur-
I. MESTROVIC. DIE MUTTER DES KÜNSTLERS
sehnsucht,nein:
dieseSehnsucht
zum Gesamtkunstwerk
in
dem Mausoleum
, das sich
cinereicheRee-
derfamilie in
ihrer Heimatstadt
Ca vtat bei
Ragusa hat bauen
lassen. Der
Grabestempel,
eine große ge-
nischte Rotunde
, durchnervt
vom Schmuck
der Gestalten,
die diese ihre
architektonische
Bindung
durch gesteigerte
Monumentalität
bejahen
.
Hier muß man
MeStrovie suchen
, nicht in
der Einzel-
skulptur,—mag
sie noch so
wuchtig wirken wie die eben vollendete des
berühmten Grgur von Nin, des dalmatinischen
Bischofs aus Nin, der im 10. Jahrhundert
auf dem Konzil zu Spalato sein
Volkstum verteidigte gegen ein auch damals
usurpatorisches Rom. Auch diese Einzelskulptur
, eine Kolossalstatue von über 6 m Höhe,
lehnt sich an die Architektur an: sie wird
vor dem Mausoleum in Spalato aufgestellt werden
. Erst dies Totale ermöglicht den Blick
auf MeStrovie, der seinem Volk die Sage verleiblichen
durfte. Ob nur dieser eine Moment
ihn hält, ihn und damit eine skulpturale Kunst
für Südslawien,dies kann hier nicht entschieden
werden. Vielleicht schließt sich an seine eigenwillige
Persönlichkeit ein lokaler Barock an,
wie einst in schicksalsträchtigerer Kunstwende
an den größeren Vorfahren in Rom der europäische
. So oder so — für den Westen bietet
sie das achtunggebietende Ereignis einer Volkserfüllung
, die in der Welt des Körperlichen
Ausdruck fand. Dr. Oskar Schürer
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