http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_57_1928/0270
E. v. ESSEO. SITZENDE, HAND UNTER KINN
durchzieht, daß das Geheimnis der Schönheit
bestehen bleibt, auch wenn der Kopf der Gestalt
und die begleitenden Formen der Gliedmaßen
fehlen.
Etwas von der schönen Zuständlichkeit, der
beglückenden Unschuld und Selbstverständlichkeit
antiker Körperharmonie atmen die kleinen,
anspruchslosen, aber ungemein persönlich
empfundenen und geformten Terrakotten der
Bildhauerin Elisabeth von Esseö. Eine letzte
äußerste Geschlossenheit des plastischen Aufbaus
wird selbst in der kleinsten Statuette von
dieser Künstlerin erreicht, absolute, völlig in
sich beruhende Gebilde weiß sie so überzeugend
zu formen, daß sich ein Hauch vom Zauber
reiner ungetrübter Schönheit dem Beschauer
zwanglos mitteilt. Freilich ist nie eine glatte,
leere,konventionelle Schönheit gewollt, vielmehr
eine geheime Gesetzmäßigkeit, die von innen
nach außen bis in alle Einzelheiten strahlt und
auch das scheinbar Unschöne erfaßt und in die
allgemeine Harmonie der Flächen und Massen
aufnimmt. Was einmal Maillol, der vielleicht
am stärksten in antikem Formbewußtsein wurzelnde
Plastiker der Gegenwart, einem oberflächlichen
Bekrittler seiner Werke gesagt hat,
das könnte auch Elisabeth von Esseö dem zur
Antwort geben, der sich an gewissen Derbheiten
ihrer plastischen Formgebung stoßen wollte:
„Dem Bildhauer geht es ein zig um die Harmonie
der Körpermassen. Zu der einen Harmonie
gehören dicke Beine, zu einer anderen schlanke.
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