http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_57_1928/0293
BERLINER SECESSION
Der Berliner Secession ist es gelungen, nach
längeren Mühen ein schönes Haus im allen Berliner
Westen (Tiergartenstr. 21a) zu gewinnen,
das sie von dem Architekten Leo Nachtlicht
durch An- und Umbau auf geschickte Weise
für ihre Ausstellungen eingerichtet hat.
Vor fast dreißig Jahren begann die Secession
in kleinen Räumen neben dem Theater des
Westens, die unterdessen einem Tanzpalast
Platz gemacht haben. Dann folgte ein weit
repräsentativeres Haus am Kurfürstendamm,
das unterdessen vom Theater am Kurfürstendamm
verschluckt worden ist. Schließlich
mietete man, als durch Corinth die eigentliche
„Secession" in der Secession erfolgte,
Räume im Hinterhaus eines Kurfürstendamm-
Gebäudes nahe der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche
. Nach weitgehenden Plänen, die sich
mit der Errichtung eines Neubaus am Savigny-
platz befaßten, hat man nun das Haus in der
Tiergartenstraße gepachtet. Nachtlicht, der
seinerzeit bereits an der Aufstellung der großen
Berliner Ausstellung am Lehrter Bahnhof beteiligt
war, hat an derHauptlront des in den achtziger
Jahren erbauten vornehmen alten Hauses
nicht viel verändert. Der neue Oberlichtsaal an
der Rückfront mußte mit Rücksicht auf die Bewohner
der oberen Etage niedrig gehalten werden
. Ein klares und übersichtliches neues Portal
mit Glasarchitektur bildet den Haupteingang
von der Hildebrandstraße. Die Lichtverhältnisse
sind ausgezeichnet. Intime und große
Räume bieten gute Möglichkeilen für Bilder
jeder Art.
Die Secession weist in ihrem Vorwort darauf
hin, daß sie der Hort der Besten aus allen
Lagern sein will. Keine Stätte für altbewährte
Namen, sondern die Erhaltung des künstleri-
schenGewissens „auch der abgeklärlestenKünst-
ler in dauernder Selbstzucht und Lebendigkeit".
Das ist ein schönes Programm, und es wird sich
darum handeln, wie weit die Leiter der Künstlervereinigung
es verstehen, diese Ideen in die
Praxis umzusetzen und sie gleichzeitig für die
Besucher wirksam und lebendig zu machen.
Ein neues Haus dieser Art, wie Berlin kein zweites
hat, verpflichtet. Ausstellungen wie die der
Secession in den letzten Jahren, sind nett. Das
Haus und die Gegenwart erfordern mehr. Eine
Frühjahrs- und eine Herbstausstellung jedes Jahr
werden weder in der Lage sein, das Publikum
auf die Dauer zu interessieren, noch — und das
ist geplant — einen Mittelpunkt im Berliner
Kunstleben auszumachen. Man wird Gesichtspunkte
in die Unternehmungen bringen müssen.
Man wird Sonderausstellungen veranstalten, in
denen die deutsche Kunst einen repräsentativen
Ausdruck findet, oder in denen hier und da Bilder
des Auslandes gezeigt werden. Es gibt da
noch viele Möglichkeiten. Man kann Bilder der
Gründer der Secession ausstellen und damit
einen historischen Rückblick geben. Man wird
junge Talente der Gegenwart zeigen müssen
und zwar in einer viel umfassenderen Weise als
dies etwa in der Veranstaltung der deutschen
Kunstgemeinschaft geschehen ist. Es wird jedenfalls
nötig sein, von den wirtschaftlichen Veranstaltungen
der Industrie, von den tüchtigen
Kunsthändlern, kurz von den Leuten des praktischen
Lebens zu lernen, daß heute eine Ausstellung
nur dann Aussicht auf Erfolg hat, wenn
sie mit Anspannung aller Mittel, mit äußerster
Gewissenhaftigkeit und vieler Mühe angelegt
ist.
Die diesjährige erste Veranstaltung kann man
aus diesem Grunde nicht anders als ein Provisorium
betrachten. Sie ist zwar reichhaltig und
bunt. Man hat eine Reihe guter Namen hinzugezogen
, die nicht auf der Mitgliederliste stehen.
Sie genügt jedoch noch nicht, das eingangs
fixierte Programm zu verwirklichen. Man hat
sich bemüht, mit guter Sichtung und ener-
gischemAusschluß überflüssiger Bilder die Werke
der Mitglieder zu zeigen. Der Besucher findet
die bekannten Namen wieder: Charlotte
Behrend, Leo v. König, Erich Büttner, Philipp
Franck, Willy Jaeckel, Eugen Spiro usw. Daneben
Gäste wie Karl Hofer, Otto Dix, Max Pechstein
. Von Dix trifft man auf das Porträt des
Dichters Däubler, eines der eindrucksvollsten
Gemälde der Veranstaltung, das durch die Porträt
-Ausstellung im Reichstag bereits bekannt ist.
Es ist ein außerordentliches Bild, und wenn es
auch nicht über die Wärme verfügt, die Däubler
ausstrahlt, so zeigt es nicht nur eine unendliche
feine Beobachtung, sondern eine weit-
3U
233
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_57_1928/0293