Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 57. Band.1928
Seite: 273
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_57_1928/0341
FRITZ KOELLE

Der in München lebende Bildhauer Fritz Koelle
wird heute schon, obwohl er erst wenig über
30 Jahre alt ist, der kleinen Gruppe jener deutschen
Plastiker zugezählt, deren Werk als für
die zeitgenössische Bildhauerkunst wert bedeutend
und richtunggebend gilt. Wenn sich
eine Kunst von dem kräftigen und eigenen Stil
Koelles trotz ihrer absolut unliterarischen Haltung
solch schnelle und ernste Beachtung erzwingt
, so beweist das einmal, wie notwendig
eine solch unliterarische Absicht innerhalb der
neueren Kunst ist und mit welchem Verlangen
sie begrüßt wird. Zum andern beweist diese
Beachtung, wie stark Koelles Werk aus seinem
eigenen Gesetz heraus bereits Gestalt gewonnen
haben und wie gültig es geworden sein muß.
Bei dem Versuch, mit den gestalterischen Absichten
Koelles bekannt zu werden, wäre es ein
zu Billiges, seinen spürbaren W illen zur großen,
lebendigen Form den stilistischen, ja nur dekorativen
Tendenzen der heutigen Plastik gegenzusetzen
, denn man käme dabei bestenfalls zu
einer kunstliterarischen, für das Werk selbst
aber sehr belanglosen Feststellung. Denn was
einen viel weiteren und für die Kunst viel wichtigeren
Kreis als den der Kenner in den Bann
seines Schaffens zwingt, ist nicht so sehr Koelles
Stil- und Formwille als vielmehr die gesunde,
ja zuweilen derbe Selbstverständlichkeit,
mit der dieser Wille zur Form da in Erscheinung
tritt und Gestalten schafft.
Koelle bekennt sich zur Natur als seinem ersten
und ihn bestimmenden Vorbild, er gibt ohne
Nebenabsicht wieder, was er sieht und wie er
es sieht. Das unterscheidet seine Absicht sowohl
von derjenigen jener, die akademisch-rezeptiv zu
einem Scheinen und Richtigen kommen wollen,
wie von dem Willen der Naturalisten, die einen
individuellen Blick auf die Natur — als mit dem
Bilden nach der Natur unvereinbar — ablehnen.
Der Mut, sich durch immerwährende Auseinandersetzung
mit der Natur eines Besseren belehren
zu lassen, als man es in der Sicherheit
akademischen Regelwissens hat hinnehmen
lernen, ist nicht ohne Schwierigkeiten zu finden.
Es blieb auch Koelle, dem Schüler Hermann
Hahns, nicht erspart, den bloßen Gestus, das

Nur-Slrukturale der dekorativ überzüchteten
Münchner Akademie erst gründlich abzuwandeln
. Immerhin stehen am Ende dieser
Bemühung Werke wie etwa das „Bergarbeiterkind
", das in seiner aus dem Zylindrischen her
entwickelten Form schon den Durchbruch des
eigenen Schaffenswillens verrät und bei dem
Koelle schon zu dem Plastischen an sich vordringt
. Die nun folgende entschlossene Hinwendung
zur Natur geschieht aber nicht etwa
mit protestlerischer Geste, wobei meist doch nur
unkünstlerische, handwerksfremde und literarisch
infizierte Absichten zutage treten, sondern
völlig beruhigt und im Besitze einer erstaunlichen
technischen Fertigkeit. Gleichzeitig erobert
sich Koelle auch die seiner bildnerischen
Absicht entsprechende Gestaltenwelt; er muß
als Bildner nach der Natur einen anderen Weg
gehen alsjenen, aufdemman zueinermonumen-
tal-dekorativen Plastik von Idealfiguren, Ado-
ranten und anderen komponierten Gestalten,
zu Göttern einer längst entgölterten Well,
vordringt. Seinem eigenen Leben und Werden
nach steht Koelle der Welt der harten Arbeit
nahe; die von ihr geformte Physiognomie, der
von ihr dem Menschen aufgedrückte Formhabitus
sind es, die seinem bildnerischen Vergnügen
die stärksten Impulse verleihen.
So entnimmt er seine Vorbilder der Umwelt
der Hütten- und Bergwerksarbeit, also jener
Atmosphäre, in der die Arbeit auf ihren biblischen
Nenner „Schweiß und Mühsal" gebracht
ist. Hier nun besteht die künstlerische Objektivität
Koelles ihre schwerste Prüfung: Träte er
an seine Modelle mehr mit einer literarisieren-
den Absicht als mit dem bildnerischenVorhaben
heran, so wäre ein Verlieren in irgendwelche
Tendenzen unausbleiblich. Aber, wie Koelles
Kunstwille auf die Natur als unbestechliches
Vorbild gerichtet ist, so bewahrt ihn seine künstlerische
Disziplin davor, irgendwelche Grenzen
zu verrücken. Man könnte das auch so zu verstehen
suchen, daß man sagt: Koelles Demut
vor der Natur bestimmt seine schöpferische
Empfindung, die Disziplinierung dieser Empfindung
macht ihn zum Gestalter. Diese, vielleicht
mit dem Wesen des Deutschen innig

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