Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 57. Band.1928
Seite: 276
(PDF, 100 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_57_1928/0344
verbundene Disziplin trennt Koelle von Meunier,
mit welch letzterem er durch die Vorliebe für
die gleiche Gestaltenwelt irgendwie verwandt
zu sein scheint. Wo der große Belgier nicht
ohne das Sentiment auskommt, wo bei ihm
immer noch irgendeine Gefühls- oder Denkaufforderung
neben dem Plastischen des Kunstwerks
einhergeht, da bleibt Koelle bei einer
objektiven Abschilderung der Form. So gelangt
er zu Ergebnissen seines bildhauerischen Vermögens
, die allein durch ihre plastische Fülle
nnd formale Spannung wirken und deren heutiger
Realismus ästhetisch und überzeugend ist.
Koelles Figuren aus der Arbeiterwelt sind kein
steingewordener sozialer Aufruf der mit irgendeiner
schönfertigen, dekorativen Geste ausgesprochen
wird; er ist ein in bestem Sinne sachlicher
Gestalter, denn er sagt von der Sache
alles — über die Sache nichts aus.
Dieser „neue Realismus" ergibt, vor allem in
seiner jüngsten Schaffensperiode, erstaunlich
reife Stücke. Für die Tendenzlosigkeit seiner
plastischen Absicht ist die Porträtbüste des „verunglückten
Arbeiters" bezeichnend. Die Deformation
der breitgeschlagenen Nase ist nur gegeben
, um das Gesamtinhaltliche des Kopfes
organisch wieder herzustellen; dem Kopf ist
nicht um einer Einzelheit willen sein Leben genommen
, sondern diese Einzelheit erscheint
allein um der Verlebendigung der Form willen
mitgestaltet. Das schon erwähnte „Bergarbeiterkind
", dessen blutarmes, rachitisches Körperchen
mit den knochigen Extremitäten Elend
an sich ausdrückt, hat in der spürbaren Zärtlich-
lichkeit, mit der Koelle den bescheidenen Konturen
Fülle gab, noch irgendeine Regung mitbekommen
. Aber die großen Bronzen des „ Hüttenarbeiters
" und des „Bergarbeiters vor der
Einfahrt" sind — ganz von der beruhigten
Wucht ihres großen Stils abgesehen — weiter
nichts mehr als bildgewordener Ausdruck
einer harten Lebensform. Mit einer erstaunlichen
Fähigkeit zur plastischen Konzentration,

mit einer — man möchte sagen: nüchternen —
Leidenschaft reißt Koelle das ihm von der Natur
Gegebene mit rein künstlerischen Mitteln in
eine wirklich monumentale Form hinein. Seine
derbe und beherzte Strenge, die aber nirgends
zum brutalen Gestus wird und nie ein proletarisches
Kunst tum propagiert — wie das in den
Salons zuweilen beliebt ist —, geht direkt auf
das im Mittelpunkt der Absicht stehende plastische
Problem heran.

Was nun darüber hinaus auf jene magische und
nicht festzustellende Weise in das Werk eindringt
, die aus dem Ab-bild ein Bild der Welt
macht und das Werk der Hände zum Kunstwerk
adelt, das ist ein Neues, ein in die Zukunft verheißungsvoll
weisendes Etwas, es ist: der Stil
Koelles. Das absichtslos Gebildete erhält mit
einem Male ein geheimnisvolles Leben, die Porträts
, insbesondere dasjenige des „Wettersteigers
" gewinnen überihrebildhauerischeGesamt-
haltung hinaus einen psychologischen Inhalt, der
sie zu einem Schönen macht, ohne sie zu idealisieren
. Das „Selbstbild" ist in der Feinheit, mit
der hier der plastischen Einzelheit nachgegangen
und mit der sie ins Ganze eingeordnet ist,
ein gewiß nicht nur für Koelles Entwicklung
merksteinbedeutendes Werk. Zwischen der Explosivität
eines Rodinseben Formwillens und der
stilisierendenHaltungMaillolsetwa gehtdeiWeg
Koelles zu einer frei ausschwingenden, großen
inneren Linie im plastischen Auf und Ab; zu
einer Form, die ohne Arabeske aus sich allein
gültig wird. Wie Koelle über das Formale
hinaus dem Wesen des Dargestellten oft mit
dem ersten bildnerischen Grill nahekommt, das
belegen irgendwie auch seine kleinen Tierstücke,
von denen hier einige wiedergegeben sind.
Sowohl die Werthaftigkeit des bisherigen Wer-
kes wie der Ernst in der künstlerischen Arbeit
Koelles rechtfertigen also nicht nur die frühe
Beachtung, die er bei Kunstfreunden wie -ken-
nern gefunden hat, sondern sie sind auch ein
Versprechen auf die Zukunft. Gustav Stolze

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