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KAY H. NEBEL. MÖWEN
DIE FRESKEN VON KAY H.NEBEL IN SCHLESWIG
Im äußersten Norden Deutschlands, in Schleswig
, ist im Laufe des vorletzten Jahres ein
Werk entstanden, das zweifellos als eine der
stärksten Leistungen neuerer deutscher Monu-
mental-Malerei zu werten ist. Im Auftrage des
Preußischen Ministeriums für Wissenschaft,
Kunst und Volksbildung hat Professor Kay
H. Nebel, der seit einigen Jahren als Lehrer an
derKunstakademiein Kassel wirkt,denSitzungs-
saal des Kreishauses mit Fresken ausgemalt.
Der Charakter des Fresko ist rein gewahrt, die
körnige Struktur des Putzes gibt dem Ganzen
einen handwerklich-stofflichen Reiz. Auf diesen
Putz ist die Farbe leicht und dünn aufgetragen.
Als breites lichtes Band umziehen die Gemälde
den etwas dunklen Raum, ihm Helle und atmende
W'eite gebend. Die Bilder jeder Wand sind zu
einer kompositionellen Einheit zusammengefaßt
, die durch ein Weiterschwingen der Bewegungsenergien
von einem zum andern Bilde
gewonnen wird.
Wir beginnen mit der Hauptwand. Links die
„Kartoffelernte" (Abb. S. 293). Vor den schichtenden
Horizontalen der Landschaft erwächst
die Gruppe von sechs jungen Frauen, teils
ruhend, teils arbeitend, in einer Ebene parallel
zur Wandfläche: ein Spalier von Leibern.
Die Struktur des Geländes betont die Gliederung
der Gruppe. Die senkrecht herablaufende
Pfahlreihe markiert den Einschnitt zwischen
der dritten und vierten Frau. So werden jedesmal
drei Gestalten zu einer Beziehungseinheit
zusammengeschlossen. Den Drehpunkt der
linken Gruppe bildet die prächtige zweite Figur.
Diese Gestalt ist ganz von Energien gestrafft,
die bis in die Falten ausstrahlen, die sich wie
pulsende Adern über Rock und Mieder ziehen.
Ist in den Linien der mittleren alles schwingende
Bewegung, so sind die Formen der seitlichen
ins Flächige und Glatter-Gewölbte beruhigt.
Gerade entgegengesetzt ist das Kräftespiel der
zweiten Gruppe; die mittlere Frau ruhend, die
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