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überdies die Secession eine Sonderausstellung
gerüstet. Ebenso hat die Secession Ubaldo Oppi,
eines der Häupter der Mailänder Schule, einen
Hauptvertreter des Gedankens der strengeren
Zeichnung im Geiste Ingres', mit einer größeren
Kollektion eingeladen. Endlich aber hat die Neue
Secession Edvard Münch, den großen Skandinavier
, den Klassiker der Moderne, mit einer
vom Meister selbst ausgewählten, bis in seine
Weimarer Zeit zurückgreifenden Kollektion
zu Gaste.
Die Glaspalast-Linke
Die Signatur auf diesem größeren Flügel des
Glaspalasts ist die vorübergehende Wiedervereinigung
der von der mütterlichen Münchner
Künstlergenossenschaft abgesprengten
Gruppen und Grüppchen alter und neuerer Zeit
unter der Führung der Künstlergenossenschaft.
Professor Eugen Hönig hat das Kunststück
fertig gebracht, die getrennt marschierenden
Vereinigungen zu einer geschlossenen Schlachtreihe
zusammenzuführen. Natürlich kehrt sich
diese Phalanx nicht gegen die Glaspalast-Rechte,
sondern nach außen hin, nämlich gegen alle
jene, die der in der Tradition ankernden Kunst
und insbesondere der älteren Münchner Kunst
schon das Requiem sangen.
Künstlergenossenschaft, Luitpoldgruppe, der
Bund Bayern, Neue Künstlergenossenschaft
und Gruppe 1927 treten diesmal zu einer Einheit
zusammengeschweißt hervor. Dadurch, daß
Arbeiten aus verschiedenen Gruppen durcheinander
gehängt wurden, ergab sich ein ganz neues
Ensemble. Viele sogenannte „Stammplätze*4
gingen in andere Hände über, und eine nicht
allzu milde Superjury sorgte dafür, daß manches
, was früher nur aus kollegialer Rücksichtnahme
aufgenommen worden war und auf das
Niveau gedrückt hätte, diesmal ausgeschaltet
blieb. Erfreulicherweise ist auch die Jugend
wieder für die Glaspalast-Linke gewonnen. Die
mancherlei Unternehmungen, die geschickten
und glücklichen Improvisationen boten ihr Betätigungsmöglichkeiten
.
Dies gilt besonders für die Fresken, die es auch
in diesem Jahre gibt: eine höchst ersprießliche
Idee. Profane und religiöse Wandgemälde sieht
man, zahme und problematische, intime und
monumentale, gelungene und mißglückte. Es
waren etwa zwanzig Künstler eingeladen worden
, sich als Freskanten zu versuchen, und man
riß sich ordentlich um diese Möglichkeit. Es
waren einige Künstler dabei, die ihre Aufgabe
allzu sänftiglich anfaßten, auch solche, die dem
übernommenen W^erk mangels technischer Erfahrung
nicht gewachsen waren; doch fanden
sich andere, die ihre Aufgabe meisterlich lösten:
so Bruno Goldschmitt, der im Kirchenraum
ein Riesenfresko mit Motiven aus der Apokalypse
an die Wand zauberte, blühend in der
Farbe, originell in der Komposition und in den
ausgezeichnet geformten Details, nur vielleicht
etwas zu voll und reich im Ganzen, eine Jagd
sich überbietender Motive (Abb. S. 34i). Willi
Schmid, Karl Blocherer, Heinrich Heidner,
Felix Baumhauer und Josef Bergmann waren
neben anderen an den religiösen Wandbildern
beteiligt, von den profanenFreskenmalern wären
Lois Gruber und seine Schule, die zu den primitivsten
Gestaltungen sich entschlossen, Co-
lombo Max, der auch durch Tafelbilder seine
starke Begabung unter Beweis stellende J.C. Holzer
(Abb. S. 343), Paul Bürck, Werner Paul
Schmidt, hier wie sonst der Maler der Menschheit
in Seenot, und Edmund Steppes zu nennen.
Steppes wirkt als Freskant etwas deplaziert. Drei
I^ndschaften, als Schmuck für ein Musikzimmer
gedacht, widmet er den Genien J. S. Bachs,
Beethovens und Mozarts. Damit schlägt er zwar
ein Thema an, das ihm stofflich und der Stimmung
nach liegt, aber der Ubergang von der ihm
angeborenen Idylle zur Monumentalität erfolgt
etwas zu gewaltsam. Man wird Steppes besser
finden, wenn man sein Innerstes und Bestes in
der ihm gewidmeten Separatausstellung seiner
Tafelbilder sucht. Das sind auserlesene Naturstücke
, Gedichte von herber Innigkeit; der Wreg
vonKarl Haider in die malerische Empfindungswelt
unserer Zeit ist mit Glück betreten und
zu einem schönen Ziel gegangen (Abb S. 34g).
Der andere Maler, dem die „Linke" des Glaspalasts
einen Saal zu einer Kollektivausstellung
einräumte, ist Karl Leipold, der Eigenbrötler
und Alleingänger. Zu seinen juwelhaft schimmernden
Seestücken und Venedig-Bildern hat
er diesmal eine Reihe trefflich komponierter
Figurenbilder gestellt: aus dem Reich der Phantasie
und der Dichtung strömten ihm Stoff und
Erscheinung (Abb. S. 336).
Man wird die Glaspalast-Linke nicht verlassen,
ohne der Jubiläums-Ausstellung einen gründlichen
Besuch abzustatten. In dieser zwar dem
Material nach retrospektiven, aber in den einzelnen
Werken absolut lebendig wirkenden
und zur Gegenwart herdrängenden Uberschau
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