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RICHARD SEE WALD. FRÜHSTÜCK IM FREIEN
Neue Secession München
nennen. Ich glaube, daß plötzliche Bekehrungen
so geschehen . . . schroffe Abkehr, schroffe Hinkehr
. . . eine plötzliche Wendung wie von fremder
Hand. Hatten wir nicht alle auch im Kriege
solche Stunden, wo wir den unbekannten großen
Täter des Lebens über uns fühlten, als sei ein
Gedanke, ein Drang in uns nur das fremde Diktat,
das durch uns sich vollstreckt, wenn der Weltgeist
seinen rechten Augenblick gekommen sieht.
D.: So war es. Jeder nur eine Welle im Strom
und nichts als eine Welle gegen das Ganze, die
Übermacht des Stromes. Ich glaube, was wir
damals als Ausnahme erlebten, ist zu jeder Zeit
die Regel des Genies. Wie hat Goethe, wie hat
Nietzsche sich hörig gefühlt in der Hand des
Dämons.
H.: So meine ich, daß wir auch in Wendezeiten
wie dieser von einem großen Willen zum Andern
überwältigt werden, ob wir wollen oder nicht.
Jedenfalls, so fühlte ich's, als ich vor Holbeins
Richard Southwell auf einer Bank mich selber zur
Besinnung rief. In der Nähe hingen Elsheimer,
Claude Lorrain, Memling, tüchtige Flamen und
Deutsche, soviel Weltanschauungen als Maler,
jeder sprach, aus allen Sälen sprach es, Persönlichkeiten
, Geschlechter, Jahrhunderte, ein ganzes
Jahrtausend gab ein Fest der Sprachen zu Ehren
der sichtbaren Dinge und des Menschen, der seine
Freude hat, sie ein zweites Mal zu erschaffen. Ich
sagte mir: da wirkt doch ein ewiger Trieb. Also
wird man weitermalen, und Hegel mit seiner großen
Prophezeiung vom Ende der Kunst wird im
zwanzigsten Jahrhundert so wenig recht behalten
als im vergangenen. Ja, aber im stillen wünsche
ich doch, daß er recht behielte — nur schmerzte
mich der Gedanke, daß alsdann auch der Plastik
ihre Stunde schlüge . . .
D.: Ist sie denn nicht eigentlich schon lange tot?
Wo ist denn der große Plastiker seit der Renaissance
, seit Michelangelo?
H.: Also seit der barocken Sterbestunde der Renaissance
?
D.: Meinetwegen. Nach ihm ist keiner mehr gekommen
. Aber wie lebendig ist die Malerei ge-
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