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blieben! Das ganze neunzehnte Jahrhundert Blüte
an Blüte, eine Eroberung der Natur um die
andere!
H.: Zugegeben. Das eben war auch meine Erkenntnis
. Ich war versucht, meinem plötzlichen
Abschied von der Malerei zu mißtrauen, als ich
trotz Italien, trotz Sizilien (Girgenti, Monreale!)
im Louvre zu den Impressionisten ging. Herrlich
wie am ersten Tag! Eine hinreißende Lebendigkeit
, ein frischer Augenaufschlag des Daseins und
wiederum ich weiß nicht welche unnennbare
Glücklichkeit der Dinge, einen Moment lang zu
scheinen, ohne sein zu müssen. Nun, das alles
kennen Sie so gut wie ich. Es fragt sich nur, ob
nicht die Menschen schon geboren sind, die künftig
diese „moderne" Malerei sobefremdendfinden,
daß ihnen die ägyptische näher, unendlich gemäßer
sein wird. Noch ist freilich die Weltanschauungdesimpressionismus
, die heimliche zarte
Religion des Auges, weithin lebendig. Aber lassen
Sie die neue Baukunst um sich greifen, lassen Sie
die Jugend auf unsern Sportplätzen zu einem
neuen Körpersinn heranwachsen, lassen Sie erst
den heutigen Film an der Verlogenheit seiner
Manier zugrunde gehen, vielleicht noch andere
Dinge geschehen, die uns das romantische Senti-
ment allmählich abgewöhnen, und das nächste
Geschlecht schon findet dieses letzte oder vorletzte
Kapitel der Kunstgeschichte höchst veraltet, vielleicht
sogar komisch. Ehrlich gesagt, wenn ich
heute vor die alten Meister mit Goldgrund trete,
spüre ich eine Witterung der neuen Sinnesweise.
D.: Die „neue Sachlichkeit", meinen Sie.
H.: Gut, wenn Sie das Schlagwort lieber wollen ..
D.: So gern als die Sache dieser Sachlichkeit: die
leeren Wände, die Häuser ohne Giebel . . . Bewahre
mich der Himmel! Sie lachen, Sie sind mit
einem andern Glauben heimgekommen —
H.: Verzeihen Sie, ich lache über die Hartnäckigkeit
der Weltgeschichte, daß dieses Giebel-Thema
alle paar Jahrhunderte die Köpfe erregt. Sie haben
klassische Zeugen auf Ihrer Seite, gnädige Frau.
Cicero, und wiederum Alberti und Bembo sind
sich einig, daß man keinesfalls ohne Giebel
bauen dürfe, auch dort nicht, wo weder Regen
noch Hagel fällt, auch nicht in der Stadt der Götter
, weil es über die reine Zweckform hinaus auch
ein Gebot der Schönheit und Würde gebe. Diese
Entscheidung der Alten erlaubt uns die Prognose,
daß auch unsere jüngsten Würfel-Architekten sich
nächstens wieder zum Giebel bequemen werden.
Das beweist nun nichts gegen den gründlichen
Umschlag unserer ästhetischen Haltung.
D.: Zum Primitiven, meinen Sie? Wenigstens
Ihre Liebe zum Goldgrund ist doch wohl ein
Rückfall in überlebte Zeiten, vielleicht aus Überdruß
an dem Allzuviel, das man Jahrhunderte
her auf die Leinwand geworfen hat . . .
Josef Bernliart
(Der Schlußteil folgt)
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