Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 57. Band.1928
Seite: 364
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Welt entrissen sind, wie der herausgezogene Fisch
aufs Trockene geworfen . . .

H.: Ich sehe es anders. Ja, das Ding an sich,
für sich genommen, ein Etwas in sich selber,
wert genug, es einzusenken in den festlichen
Glanz dieses goldenen Umgrunds, in dem es mit
der Hoheit einer platonischen Idee sein Dasein
feiert . . . Sie lächeln? Sie sagen „Marotte ? Ich
glaube, unsere Sterne liegen weiter voneinander
als meine Stimme trägt.

D.: Nun, wir wollen heute nichts lieber als Entfernungen
überwinden. Also möchte ich auch
nicht etwa Renoir verwerfen müssen, weil ich den
Michelangelo der Sixtinischen Kapelle liebe.
H.: O weites Herz der Bildung! Alexandrinischer
Appetit nach allem! Fünf Brillen übereinander
tragen — eine wird schon die rechte sein! Verehrte
, ich verstehe das nicht mehr, denn ich bin
gesund, mit blanken Augen heimgekommen.
D.: In diesem Punkt, Doktor, will ich mich belehren
lassen. Ich zwinge mich, ehrlich gestanden
, seit Jahren, zur Plastik in ein gleiches Verhältnis
zu kommen wie zur Malerei. Vergeblich,
wie meine Wohnung Ihnen beweist.
H.: Jawohl, alles malerisch, weiblich, seelisch,
musikalisch! Selbstverständlich, wo man Nietzsche
liebt. Wie hat er die Plastik gescheut! So-
krates schon deshalb verleumdet, weil er der Sohn
eines Bildhauers gewesen! Natürlich. Wer die Welt
als unendliche Strömung erlebt, in der Strömung
die unendliche Melodie —■ und das ist Nietzsches
Art und aller Modernen um 1900 bis heute —
wie soll der mit Plastik etwas anzufangen wissen!
Sie reißt das Ding als solches heraus aus dem Strom
des Geschehens, sie stellt es hin, hier und jetzt,
sie nimmt es ernst als Wesenheit, als Selbstand,
als ein Etwas, das ist, nicht nur scheint, als definitive
Gestalt voll Leben aus dem Innengesetz
ihrer Form, nicht einer Mitgliedschaft von Reizen
und Bezügen außerhalb.

D.: Haben Sie in Paris Rodin gesehen? Das Totenmal
von Bartholome auf dem Pere la Chaise?
H.: Gesehen und — gehört. Das sind heimliche
Musikanten, die man auf ihrer romantischen Melodik
ertappt, sobald man sie mit großer unerbittlich
reiner Plastik in Vergleich stellt.
D.: Nun ja, weil ich sie liebe, müssen sie wohl
nicht ganz in Ordnung sein.

H.: Ihre Liebe, Gnädige, in Ehren. Aber sie ist
nicht Liebe zur Plastik, sondern zu der modernen
Gefühligkeit, die eben es verbietet, solche Werke
als Plastik ernst zu nehmen. Schon Michelangelo
setzt in manchen Werken einen Fuß über die
strenge Grenze des plastischen Gesetzes. Ja, ich
bin in Paris der Ketzerei verfallen, daß schon die
Venus von Melos an Naturnähe, an Momentanität
des Lebendigen das Äußerste wagt — wie gern
verzichte ich auf die verlorenen Arme! — und

alles Griechische, was noch ein Mehr an akzentuierter
Vitalität aufweist, überlasse ich der Bewunderung
der Fachleute und ihres Anhangs.
D.: So bliebe denn nach Ihrer Meinung nicht viel
an Plastik übrig, womit ich mich zu befassen
hätte? Vollends nicht von den Heutigen?
H.: Genug, Verehrte, aus allen Zeiten. Denn
immer, auch unter den Malern, hat es reinen plastischen
Sinn gegeben: den Sinn für das innewohnende
Formgesetz des körperhaften Seins der
Wesen. Ob Sie den Weg über Lehmbruck oder
Maillol nehmen, über die Bamberger oder Naumburger
Plastik, über die BrüggerMadonna Michelangelos
oder die Tauschwestern im Parthenongiebel
— jeder kann Sie zum Ziele führen. Mir
selbst geht über alles die Plastik der Ägypter . . .
D.: Mir das Fremdeste von allem, was mit Kunst
zu schaffen hat. Wie fern von uns, wie jenseits
des Lebens und des Menschlichen! Nichts von —
wie soll ich sagen? — von Wärme, Seele, Liebe
in dieser melancholischen Größe. — Sie schweigen
. . • Sie verzagen an der Wand, die uns trennt...
H.: Uns trennt nur ein Schleier . . . der Schleier
Ihres Wunsches an die Welt, daß sie nicht so
wäre, wie alle große Plastik sie erkennt. Ich sage
die Welt, ich meine den Menschen — denn es
ist sein Wesen, nach dem er das Ganze deutet.
Dieses Wesen aber, sein ewiges, unaufhebbares
Los, findet sein Symbol im reinen plastischen
Werk. Wer sind wir? Lebendige, mit uns selbst
befaßte Existenzen, aber wiederum doch Gefangene
eines Ganzen, das sich mit uns befaßt —
Von ich weiß nicht wieviel tausend Werken der
Künstler ist mir nur das eine schöne Licht des
Faktums Kunst geblieben. Ohne Nachdenken über
das Warum und Woher meines Zustandes folgte
ich einem elementaren Drange meiner Natur,
schaffte noch am Tage meiner Heimkehr alle
Bilder aus dem Zimmer und ließ als einzigen Repräsentanten
jenes wunderbaren Faktums einen
guten Abguß vom Kopfe des sterbenden Sklaven
Michelangelos im Louvre stehen. Ich habe aufgehört
, ein Alexandriner zu sein, ich habe das
Sprachengewirr von zehn und zwanzig Individualitäten
von mir verbannt und bin mit jener
einzigen, mir gemäßen Tag um Tag in einer
seltsam stärkenden Zwiesprache.
D.: Da sind Sie schon bei der neuen Sachlichkeit.
H.: Ich wußte kaum von ihr, als ich dies tat.
Ich befreite mich, wie gesagt, aus einem Zwange,
dermich fast wieein Naturtrieb überkam. Aber ich
verstehe um so besser, daß die jüngste Bewegung,
der Rückzug des Menschen auf sich selbst und die
höchste Einfachheit des Notwendigen, weit tiefere
Ursachen hat als die Laune eines Augenblicks.
D.: Nein, Doktor, da mache ich niemals mit.
H.: Was mir beweist, daß die Fäden zwischen
gestern und heut nun doch reißen müssen.

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