Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 58. Band.1928
Seite: 27
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_58_1928/0047
aus reichen, ideen- und formschöpferischen Gesamtkultur
. Wie denn überhaupt „Stile" (die
der Genfer Malerarchitekt dem ... Federkopfschmuck
einer Frau vergleichen möchte!) nicht
etwas dem ewig gleichbleibenden Zweckgehäuse
künstlich Aufgeklebtes sind, sondern ein den
Bau vom Grund- und Aufriß bis zum letzten
Ornament durchdringendes Zusammenhaltsprinzip
, das nun eben auch wieder aus der Gesamtheit
der Kulturen organisch aufwächst.
Hier fragt es sich ja freilich, ob unsere Zivilisation
eine solche lebendig-lebenspendende Kultur
ist. Le Corbusier scheint es zu bejahen, erblickt
in ihr etwas gar Köstliches, das da strahlt
und funkelt und sich in der Person der „großen
Organisatoren" bereits heute glänzend verkörpert
. Zugegeben: an Organisatoren, an technisch
Erfindungsbegabten fehlt es uns nicht —
und darum ist auch alles, was als Wirkungsstätte
technisch-organisatorischer Begabungen
in Betracht kommt — die Fabrik, der Warenspeicher
, das Kontorhaus — in der Tat heute
oft schon zu sehr schönen Typen entfaltet worden
. Ein anderes aber ist und bleibt es, Heimstätten
für Menschen (geschweige gar für die
Gottheit, für Ideen) zu schaffen. Hier handelt es
sich nicht darum, Baumunterlagen für bestimmte
, genau zugemessene und auf ihre wirtschaftliche
Bentabilität überprüfbare Aktionen
zu erstellen, sondern darum, Räume zu bilden,
in denen der Mensch sein eigentliches Leben
leben soll, ein Leben als Selbstzweck, ein wirkliches
Dasein, gleichviel, ob nun ein mehr dem
physischen Behagen oder geistiger Erhebung
gewidmetes. Und um diesem Heim harmonisch-
lebensvolle Gestalt geben zu können, dazu
bedürfte es freilich mehr als der Zivilisation —
bedürfte es echter Kultur. Nicht nur für
„Führer" (worauf Taut *) sich zu resignieren
gewillt scheint), sondern für das ganze Volk.
Anderseits ist aber auch Hervorkehrung des
sozialpolitischen Moments nicht eben das, was
wir vom schöpferischen Architekten erwarten.
Leichtgewichtige Baustoffe — vortrefflich!
Wandschränke — ausgezeichnet (das praktische
18. Jahrhundert liebte sie gleichfalls)! Aber,
die soziale Frage lösen kann man mit diesen Din-

*) Die neue Wohnung, 2. Aufl., Leipzig ig24.

gen nicht. Fragen wir aber nun doch wieder nach
der rein architektonischen Qualität der vorgeschlagenen
Dinge, so bleibt (immer abseits der
Silos, Fabriken usw.) gerade das Bemerkenswerteste
(die Großhäuser mit Gärten in jedem Stockwerk
) einstweilen von zweifelhafter Ausführbarkeit
, das meiste andere indifferent, nicht
selten mit einem Zusatz von Frostigkeit.
Dies liegt übrigens wohl zu gutem Teil daran, daß
alle beiden Reformer, so sehr sie im Menschen
das Maß der Dinge (also vorab der Räume)
erblicken, davon absehen, was nun eigentlich der
Normalmensch von einer Wohnung, einem
Hause, wirklich erwartet. Und doch hat eine
richtige Vorstellung von dieser Normalvoraussetzung
die Baukünstler vergangener Zeiten dazu
befähigt, so lebensvoll und so natürlich zu
bauen, wie sie es in der Tat getan haben. Taut
will Räume, die erst lebendig werden, wenn
Menschen darin sind. Das mag für Konzert-
und Hörsäle das rechte sein, aber nicht für
Wohnräume, in denen bald ein einziger Mensch,
bald deren zwei, drei oder auch ein ganzes
Dutzend ihr Behagen finden sollen. Da muß
schon der Raum sein eigenes Leben haben, muß
mit allerhand bequemen und farbigen Behelfen
bereitstehen, damit er Wärme und Daseinsfreude
widerstrahlen, das rein zweckgebundene
Berufsmilieu recht gründlich . . . vergessen
machen kann. Übrigens strebt ja auch Le Corbusier
selbst im Prinzip Heiterkeit und Anmut an.
Hierzu muß aber schon die Gegenbemerkung
gestattet sein, daß diese so wünschenswerten
Dinge sich mit seinem puritanischen Prinzip
der unerbittlich schmucklosen Geradheit nicht
so leicht werden vereinen lassen. Wir begreifen
es, wenn gerade ein Franzose, all der
stilistischen Niedlichkeiten im offiziösen Pariser
Kunstbetrieb müde, zu solchen Puritanerprinzipien
gelangt: aber ihre starre Anwendung
hat sich zu allen Zeiten als kunstfeindlich
erwiesen; und heitere Anmut, deren der geplagte
Berufsmensch unserer Tage doch wahrlich
zur Entspannung seiner Nerven bedarf, wird
sich niemals einfangen lassen, wenn man die
grundnatürliche Freude am gesunden Ornament
und an der edlen Rundung geschwungener
Linien aus der Welt verjagen will.

Dr. Franz Arens



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