http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_58_1928/0068
KÜNSTLERISCHES WOLLEN UND KÜNSTLERISCHES KÖNNEN
Ein künstlerisches Können kann nur an dem
künstlerischen Wollen ermessen werden; erst
das künstlerische Wollen selbst unterliegt Maßstaben
, die über das Bereich der künstlerischen
Einzelpersönlichkeit hinauslangen.
Das künstlerische Wollen soll dem künstlerischen
Können vorausgehen, nicht aber soll das Wollen
einem Können hinterdreinlaufen. Doch kann
durch ein Können ein Wollen bewußt werden,
dann nämlich, wenn das Wollen ein Müssen ist,
welches dann immer zugleich gekonnt ist.
Das nämlich unterscheidet den Künstler vom
Artisten: daß jener alles kann, was er wollen
muß. Dieser aber muß das wollen, was er kann.
Ein künstlerisches Wollen ist vollkommen, wenn
es Wesensausdruck einer seelischen Ganzheit ist.
Ein künstlerisches Können ist vollkommen, wenn
es ein künstlerisches Wollen erschöpfend auszusprechen
vermag.
Zu Zeiten der Revolution und Neuerung liegt
der Akzent auf dem Wollen, das um seiner selbst
willen gewollt wird; aber es wird nur wenig
gekonnt. In Epigonen- und Artistenzeiten liegt
der Akzent auf dem Können, das um seiner selbst
willen gewollt wird; gewollt aber wird wenig.
So finden wir dort Sprengung der Form durch
das Wollen bis zur Karikatur; hier Kult der
Form durch das Können bis zur Ausdrucks-
losigkeit. Wesensmerkmal klassischer Kunst ist
Einheit von Ausdruck und Form: Ausdruck, der
die Form ausfüllend verlebendigt; Form, die den
Ausdruck begrenzend verkörpert. Kail Schorn
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