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WOHNMASCHINE ODER WESENS AUSDRUCK?
Die Losung unserer Zeit heißt „Zweckmäßigkeit
". Was nicht nutzbar zu machen ist, was
sich dem praktischen Gebrauch versagt, soll
verschwinden, wie auf allen Gebieten des Lebens
, so auch auf dem der Wohnungsgestaltung.
Man hat zur Bezeichnung dieser Tendenz den
Terminus „Wohnmaschine" empfohlen. Das
Wort bedarf keiner umständlichen Erklärung.
Die Wohnung soll nicht mehr das Ergebnis
persönlicher Geschmacksforderungen sein, sondern
eine Folge von Hohlkörpern, je nach dem
Raumbedarf schachtelartig zusammengefügt.
Jedes Stück — sogar Wände, Decken, Dächer—
im Fabrikbetrieb hergestellt und im Fertigzustand
sofort versetzbar. Wie das Außere, so
der Raum und seine Ausstattung. Alles streng
sachlich, handlich, unpersönlich.
Man will endlich aus dem elenden Schlendrian
heraus, der das Eigenheim zu einem Stapelplatz
sinnlosen, weil gebrauchsunfähigen Trödels gemacht
, es äußerlich gefüllt, aber nicht innerlich
bereichert hat. Soweit ist der Wille, zu einer
anderen und vernünftigeren Form zu gelangen,
nur zu loben. Allein es scheint so, als ob man
in Deutschland, dem Musterlande der „gründlichen
" Menschen, nichts Vernünftiges vornehmen
kann, ohne es heillos zu radikalisieren und
es dadurch der Unvernunft, die man bekämpfen
will, langsam wieder anzunähern. So hat denn
auch die neue Wohnung all dem, was man unter
der Kategorie „Gemütswerte" zusammenfassen
kann, den Vernichtungskrieg erklärt. Vor allem
dem bildlichen Wandschmuck.
Es wäre verständlich und sehr willkommen zu
heißen, wenn der Rildersturm sich nur gegen
die Auswüchse des Wandschmucks richtete,
d. h. gegen die gedankenlose Bepflasterung der
Wandfläche mit künstlerisch minderwertigen
Bildern. Hier kann der Kampf gar nicht scharf
genug geführt werden. Aber nicht darum handelt
es sich in unserem Falle. Die Polemik gilt
dem Wandschmuck überhaupt. Das bewegliche
Rahmenbild, gleichgültig ob gut oder schlecht,
soll aus unserer Wohnung verschwinden, seine
flächengliedernde Aufgabe durch die Wand
selber, die man sich farbig behandelt oder abstrakt
- rhythmisch aufgeteilt denkt, übernommen
werden. Das mit dem Kunstwerk organisch
verbundene Stoffliche, gefühlsmäßig Erregende
, hat abzudanken. Der Mensch soll nicht
mehr das Recht haben, sich von seiner vermeintlich
höheren Aufgabe in der Weltordnung der
Mechanik durch Gemütswerte ablenken zu
lassen.
Die Befürworter der Wohnmaschine sagen sich
— und darin stimmen sie mit ihren Gegnern
überein —: die Heimstätte ist der Spiegel des
Bewohners. Nur begehen sie den Fehler, sich
ein Bild des heutigen Menschen zu konstruieren,
das keinesfalls für alle zutrifft: es hält nur einen
Typus fest: den mechanisierten Menschen, den
Menschen, dem Herz, Seele, Gemüt zeitraubende
Luxusartikel geworden sind, die in ihrem
System keinen legitimen Platz haben. Zugegeben
: wo der gesamte Tageslauf sich dergestalt
mechanisch abwickelt, wo keine Minute zur
Selbstbesinnung freibleibt, käme es versuchtem
Diebstahl gleich, die Aufmerksamkeit durch
Ornamente, Bilder u. dgl. stören zu wollen.
Wo in dieser Weise gearbeitet wird — in Fabriken
, Büros—hat der persönliche Geschmack
zu schweigen.
Nun ist aber die Wohnung durchaus nicht Arbeitsstätte
, sie ist vor allem ein Ort der Erholung
und Kräftesammlung. Was Büro und
Fabrik dem Menschen nicht gewähren, hier
sucht und hat er's: Muße, Freude an sich selbst,
kurz, sein bißchen Menschlichkeit! Und hier
sollte nun alles wieder nach bloß praktischen
Rücksichten und vom Geiste der Maschine diktiert
vor sich gehen, nur die unerbittliche Logik
herrschen und nirgends die reizende Willkür
zu ihrem Recht kommen dürfen ? Noch einmal:
weg mit allem Urväterhausrat, weg mit allem
Bibelotwesen! Aber was Sinn hat, soll bleiben
und nicht jenem sinnlosen Puritanismus weichen
, der alles entfernt wissen will, was zur Betrachtung
einladet und nicht auf geradem Wege
dem Nutzen dient.
Eine abstrakte Linienkonfiguration vermag dem
Bewohner das Bild nicht zu ersetzen. Denn ein
Bild ist mehr als ein bloßes Gliederungsmittel.
Es birgt auch W^erte gegenständlicher Art, die
gewiß nicht unter die Kategorie des rein Asthe-
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