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AMERIKANISCHER LANDHAUSBAU
Die formende Kraft des amerikanischen Lebens
kann man als die Resultante zweier Komponenten
bezeichnen: die eine Komponente ist die
Vielheit des geistigen und kulturellen Resilzes,
welchen die Menschen verschiedenartigster Abstammung
hereintragen, die andere i.st das unablässige
Streben, alle die verschiedenartigen
Elemente zu einer Einheit um/uschmelzen.
\m amerikanischen Landhau^bau spüren wir
überall die Anregungen europäischer Ursprungsländer
. Der von den ersten vornehmen Ansiedlern
des Südens aus England herübergebrachte
Klassizismus —ein letzter Ausläufer der europäischen
Renaissance — hat den „Georgian"- und
„Kolonial-Slil" entwickelt (Abb.geg. S. 105,106
u. 109). SeineFormelementesind überall wiederzufinden
, vom öffentlichen Repräsentationsbau
bis zum Landhaus und zum bescheidenen K leinhaus
(Abb. S. 1 16 oben). Eristzum stärksten Ausdruck
eigener amerikanischer Tradition geworden
. Unabhängig davon ist das englische Vorbild
wirksam bis in die Gegenwart (Abb. S. 111,
114 u. 115),während deulscheBauweise nieübernommen
worden ist. Auf spanische Formelemente
, erhallen in den Resten früher Kolonisten
- und Ordenssiedlungen, wird neuerdings
im Süden und Westen zurückgegriffen
(Abb. S. 11 8). Daneben herrscht vielfach französischer
Einfluß, begünstigt durch die Neigung
der eleganten Frau und durch das Hei kommen,
welches den werdenden amerikanischen Architekten
seine theoretische Ausbildung an der
Ecole des Reaux-Arts in Paris gewinnen läßt
(Abb. S. 11 7).
Das nationale Ziel, alle diese verschiedenartigen
europäischen Einflüsse zu einer neuen Einheit
umzugestalten, findet eine mächtige Förderung
in der Angleichung der Bedürfnisse und in der
Tendenz zu einem einheitlichen Lebensstil.
Die Gliederung des Hauses und seine Ausstattung
mit technischen Einrichtungen sollen
ein arbeitsparendes, behagliches Wohnen ermöglichen
. Der vorherrschende Wohnungstyp ist
das Einfamilienhaus. Es zeichnet sich durch
Sachlichkeit, Schlichtheit und strenge Anpassung
an die Bedurfnisse aus. Serienweise Herstellung
erprobter Typen führt zu immer
weil ergehender Verbilligung, so daß den Angehörigen
aller Schichten der Erwei b eines eigenen
Hauses möglich ist. Für die Serienberslel-
lung ist das Holzhaus besonders geeignet. Seine
Vorzüge sind rasche Lieferung, schnelle Aufstellung
, sofortige Rewohnbarkeit ohne Nachteil
für die Gesundheit, Schutz gegen starke
Temperaturschwankungen. Aus diesen Gründen
hat das Holzhaus eine sehr viel größere
Verbreitung gefunden als das Einfamilienhaus
in Stein (Abb. S. 116).
Auch die Landhäuser der Reichen passen sich
den vorherrschenden Wohntypen an. Die
Schöpfungen amerikanischer Architekten wie
Lindeberg, Delano & Aldrich, Gregory u. a.
sind persönliche Leistungen, ohne daß sie eine
individuelle Bauform herausfordernd vertreten.
Sie legen Zeugnis ab von einer vornehmen
Wohnkultur, welche vorhandene Traditionen
verständnisvoll pflegt und zugleich alle Fortschritte
der Wohnlechnik einsichtsvoll benülzt.
In diesen Schöpfungen offenbart sich der Gestaltungswille
amerikanischer Baukunst.
Die Wolkenkratzer — an die der Europäer
zuerst denkt, wenn er von amerikanischer Baukunst
hört —, sind Ausnahmeerscheinungen.
Ihre soziale und ökonomische Grundlage sind
die überaus enge Besiedlung in einzelnen Stadtbezirken
und die daraus hervorgegangenen
phantastischen Rodenpreise. Der Wetteifer der
Städte begünstigt allerdings in neuester Zeit
ihr Emporschießen auch da, wo andere städtebauliche
Lösungen vielleicht möglich wären.
Sie verkörpern die Idee des modernen Amerika
nism US. Gr. v. Pechmann
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