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AMERIKANISCHE TYPENHÄUSER
nicht niedriger ein als die freie, die „hohe"
Kunst.
Es war interessant, durch die Lehr- und Ver-
suchsvverkstätten Obrists zu gehen und die
Schüler an der Arbeit zu sehen. Obrists Kunst-
dogmen waren für sie unverrückbar; Obrist war
für sie von geradezu päpstlicher Unfehl barkeit.
Nach seinen Prinzipien gingen sie auf die Motivejagd
für die Zwecke ihrer Au^formungen.
Man muß wissen, daß Hermann Obrist, ehe er
sich der Bildhauerei zuwandle, Naturwissenschaften
studiert hatle. Das betonte er gerne
und an den Kenntnissen und Erfahrungen seines
Studiums hielt er fest mit der Zähigkeit des
Schweizers, der das einmal Erworbene nicht
ohne äußerste Not preisgibt. Aus seinen naturwissenschaftlichen
Studien aber trug er, darin
Häckel ähnlich, der auch aus Naturformeii
ästhetische Gesetze ableitete, Formen und Farb-
komposilionen in die Gestaltungen, die er für
die Gegenstände des täglichen Gebrauchs, für
Keramik, Textilien. Schmuck usw. erfand. Sein
Stil war also eigentlich typischer, wörtlicher
Naturalismus, aber die Natur wurde von ihm
stilisiert, manchmal sogar karikiert. Obrists
Schüler folgten dem Meister auf diesen Wegen.
Und so waren die Arbeitstische und Stellagen
in den Lehrwerkstätten voll „Tiergeripp und
Tolenbein". Da waren Fragmente tierischer
Skelette, z. R. das Brustbein eines Reihers: es
diente als Vorbild der Linienrührung eines Vasenhenkels
. Aus einer Mistel ergeben sich die
Anregungen für einen vielarmigen silbernen
Leuchter. Blätter, Zweige, merkwürdige Verästelungen
waren gleicherweise für Buchschmuck
wie für Stickereien Vorbild. Aus
Mineralien und farbig reich nuancierten Pflanzen
leitete man die Motive für Teppiche,
Wandbehäuge, Filelarbeiten ab. Und so ging
das in fröhlicher Weise fort.
GRUNDRISSE ZU OBENSTEHENDEN TYPENHÄUSERN
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