Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 58. Band.1928
Seite: 120
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würdevoll isoliert, sondern Bühnenraum und
Zuschauerraum streben zueinander, wollen sich
zu einem Fes träume binden, in dem der Geist
des Spieles herrscht: die Bühne spiegelt das
Spiel des Lebens, der Zuschauerraum das Spiel
der Kunst. Herr dieses Hauses aber ist das Publikum
, und es soll sich hier auch wirklich zu
Hause fühlen. Der Zuschauerraum, der Säulen,
Pilaster und all der andern archilektonischen
und Schmuckformen aus dem klassischen Vorrate
entkleidet und mit warmen Hölzern wohlig
vertäfelt, wird zu einem Salon, in dem der Blick
überall durch heitere Formen und Farben behaglich
beschäftigt wird.

Diese Auffassung vom Theater ist in der Atmosphäre
des modernen großstädtischen
Theaterbetriebes erwachsen. Will man sie geschichtlich
einordnen, so muß man über den
Klassizismus hinaus in das i 8. Jahrhundert zurückgreifen
, in jene Zeit des Rokoko, da das
Leben Spiel und das Spiel Leben war. Kaufmanns
Theater gehören zur Familie des Bay-
reulher Thealers und des Residenztheaters in
München. Und wenn man sie oft als „Rokoko"
bezeichnen hört, so ist das insofern zutreffend,
als sie aus einer Gesinnung geschaffen sind, die
der des Rokoko innerlich, geistig verwandt ist;
es ist aber nicht zutreffend, wenn man sie damit
als Nachahmungen kennzeichnen will. Sie
haben Tradition, aber sie sind nicht tradiliona-
listisch. Sie sind von einem Künstler geschaffen,
der bis in die Fingerspitzen hinein von einem
ganz lebendigen und ganz persönlichen Gefühle
für das moderne Thealer erfüllt ist und der an
seinem erregenden und verführerischen Zauber
Freude hat. Es ist die frei und anmutig bekannte
Lust am Theater, der Kaufmanns
Theaterbauten ihre Originalität, der sie jene
feine, wenn ich so sagen darf: elektrische Spannung
verdanken, die sich unwiderstehlich auf
die Besucher überträgt. Es ist die Lust am
Theater, die ihn befähigt, sich mit unverwüstlicher
Frische auf jede neue Aufgabe zu werfen,
und indem er sich geschmeidig den besonderen
Bedingungen und Voraussetzungen einer jeden
anpaßt, versteht er ihnen neue Möglichkeiten
und Lösungen abzugewinnen. So hat denn auch
jedes der sieben Thealer, die er in Berlin errichtet
oder durch Umbau neugestaltet hat,
seinen eigenen Charakter empfangen. Das große
Theater am Bülowplatz, das er für die Volksbühne
erbaut hat, hat die ernsteste Haltung und
nähert sich am meisten der monumentalen

Form; im „Theater am Kurfürstendamm",
dem unmittelbaren Vorgänger der „Komödie",
sind Laune und Spiel am kecksten losgelassen.
Im Vergleiche damit ist die „Komödie" als eine
besonders ausgeglichene und reife Schöpfung
zu bezeichnen.

Ihr Programm war also ein Gesellschaflstheater.
Vielleicht liegt in diesem Programme eine Fiktion
. Hat Berlin eine Gesellschaft? Eine wohl
aufzuwerfende Frage. Das Gesellschaftslheater
konnte sich im Umkreise der romanischen Gesellschaft
skullur entwickeln, wo das Thealer
einen anerkannten und beliebten Mittelpunkt in
der Lebensführung der sozialen Oberschicht
bildete. Da ward es Sitte, daß die vornehmen
Familien in ihren Logen ihre Freunde empfingen
und die Damen dort Cercle hielten, und
aus dieser Sitte erwuchs der Gedanke des reinen
Logentheaters, der meines V\ issens zuerst 1^39
im Teatro di S. Giovanni Crisoslomo in Venedig
verwirklicht worden ist. Diesen Gedanken
hat Kaufmann in der „Komödie" aufgenommen.
Zwei Ringe abgeschlossener L.ogen umkreisen
das Parkett, und der gesellschaftliche Charakter
dieser Logen ist dadurch unterstrichen, daß
jeder von ihnen ein zierlich ausgestalteter kleiner
Vorraum, ein Miniatursalon, angegliedert
ist. Während Kaufmann sonst die Proszeniumsloge
ablehnt, hat er in der „Komödie" Proszeniumslogen
angelegt, die halb dem Parkette
zugew andt sind und so ein Zwischen-und Bindeglied
zwischen Bühnen- und Zuschauerraum
bilden; ja in Anlehnung an eine bekannte alle
Theatersilte *) hat er sogar auf der Bühne selbst
vier Logen, zwei auf jeder Seile, aufgebaut, die
nach Bedarf auch in den Rahmen der Aulführungen
einbezogen werden können. Man be- >
merkt, wie lebendiges und gespieltes Thealer
hier ineinander übergreifen und sich begegnen,
und man wird inne, mit welcher Feinfühligkeit
Kaufmann in die gestellte Aufgabe eingedrungen
ist und sie individualisiert hat.**)
Das Gelände der „Komödie" stellte dem Bau
insofern Schwierigkeiten entgegen, als der Zu-

*) Vgl. die Aufzeichnung von J. G. Carus aus Venedig
April 1828 (Reisen und Hriefe, erschienen bei E. Haberland
in Leipzig, 1 63) : „Gleich beim Eintritt frappierte mich die
Lage unserer Loge (im Teatro S. Benedctto), welche sich
gerade über dem Proszenium und eigentlich auf dem Theater
selbst befand, eine Einrichtung, welche indes in Italien sich
überall findet."

**) Als sein Mitarbeiter an dem Bau verdient Edgard Stolzer
genannt zu werden.

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