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WANDLUNGEN DES KUNSTWERKS
VON ECKART v. SYDOW
Es mag mit an dem Worte liegen, daß so oft
ein Kunstwerk als etwas Festes, Beharrendes
betrachtet wird, das so und nicht anders sei und
wirke. Der vielfach gebrauchte Vergleich zwischen
Kunstgebilde und Perle beleuchtet diesen
Glauben — denn Perlen gehören zu den Dingen,
die von der Primitive bis heute sich unveränderter
Schätzung erfreuen, — sie sind unbezweifelbare
Sachwerte.
Dennoch verschiebt sich die Grundlage dieser
Auffassung bei näherem Betrachten. Schon der
erhebliche Einfluß guter und schlechter Beleuchtungmahnt
von weitem zum Zweifel,— wie
oft kommen die guten Seiten eines Bildes erst
heraus, sobald das Licht von der richtigen Seite
her es erhellt.
Tiefer erschüttert die Tatsache ganz verschiedener
Bewertung der gleichen Werke. Stellten
wir Rembrandt nicht zur Zeit des Impressionismus
über alles? Erfreuen sich nicht die Werke
der Barockmeister einer ständig wachsenden
Schätzung? Und sind doch alles Dinge, die man
längst kannte, und die von höchstgebildeten
Menschen etwa unserer klassischen Epoche mit
bewußtem Willen mißachtet wurden!
Oder bleiben wir bei unserer eigenen Zeit. Wir
haben ja allerhand Richtungen in den letzten
25 Jahren durchlebt: den Höhepunkt des Impressionismus
, den Ausbruch des Expressionismus
, das Experiment des Konstruktivismus, die
Selbsternüchterung in der neuen Sachlichkeit —
ein wogendesMeer hat nicht unruhigeren Wel I en-
gang, als die Kunstbewegung der letzten Jahrzehnte
. Aus jeder Richtung erklang die Ver-
fehmung der anderen Seite.
Und geht es uns selbst nicht so? Wie ergriffen
waren wir nicht vom Expressionismus, — wie
wenig ist er uns vielfach jetzt, da seine schwankenden
Gestalten nichtmehr von den gleichen
Gefühlskräften von außerkünstlerischemHint ergründe
her gehalten werden, wie das Schild der
Agis? Sehen wir jetzt nicht, daß damals vielfach
allzuschlecht gemalt wurde? Gerade dies Beispiel
zeigt, wie viel von uns abfällt, — nicht
wenn wir es abschütteln, sondern wenn es selbst
nicht genug Kraft hat, uns im Innersten zu
packen und uns im Äußersten Genüge zu tun.—
Wie ruhig, selbstverständlich, außer der Debatte
bleiben die wahrhaften Maler: Leibi, Cezanne,
Renoir...
Nur wo das Kunstwerk als selbständiges Kraftfeld
ergreift, von dem Leben ausstrahlt, ist in
dem Auf und Ab der Bewertungen, die nur zu
oft in erster Linie vom seelisch-körperlichen
Hintergrunde geleitet werden, die sichere Bai ance
gegeben. Freilich gehört zu diesem Dahinschrei-
ten über das ausgespannte und gefährliche Seil
eine seltene Einheit von innerer Selbstgewißheit,
die das Gleichgewicht aufrecht erhalten läßt,
und von innerer Spannung, die zum Wagnis
treibt. Der Allzusichere (und sei er H. Thoma)
wird im eigentlichen Sinne nichts wagen, — der
Allzu gespannte (und sei er van Gogh) wird
über der Erregung die Askese der künstlerischen
Objektivierung vergessen. Uber beide: den Beharrenden
und den Ekstastiker ergeht das Gericht
aus der höchsten Instanz, die sowohl
Ruhe als auch Spannung ist: die Ruhe packt
nicht, die Uberspannung erschöpft bald ihre
Kraft und fällt ab, — eine Vernichtung der
Kräfte, der die Überspanntheit in gefährlicherem
Maße ausgesetzt ist, als ihr Widerpart, für den
so viele Neigungen unseres Daseins unaufhörlich
werben.
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