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DIE WIEDERGEBURT DES MOSAIKS
Das Mosaik als monumentaler Wand- und
Deckenschmuck, symbolhaft, erdenfern, herb
undstrenginder Auffassung,tiefstes Ausdrucksmittel
und zugleich edelste Technik der Wandmalerei
, hat in frühmittelalterlicher Zeit seine
höchste Blüte erlebt. In den altchristlichen Mosaiken
Roms und Ravennas wirkt eine Verbundenheit
mit dem Raum, wie sie selbst die größten
Meisterwerke der Freskomalerei nicht besitzen.
Eine Kunst von ewiger Dauer, ist das Mosaik
zugleich eineKunst von unvergänglicherJngend.
Die Form, durch die Eigenart der Technik zu
größter Strenge gezwungen, zeigt eine Würde,
eine Feierlichkeit und eine Größe der Gebärde,
die später, im 12. Jahrhundert, als der Stil
sich zu lockern beginnt, die Formen sich auflösen
und der Flächencharakter aufgegeben
wird, gänzlich verlorengeht. Die Figuren, die
einst so übermenschlich erhaben gestaltet waren,
verlieren ihren symbolhaften Charakter und
werden klein und menschlich. Schließlich wird
an Stelle der Flächen Wirkung die dritte Dimension
und die realistische Wiedergabe der Erscheinungswelt
angestrebt, aber die naive Ursprünglichkeit
und den Ausdruck innerer Ergriffenheit
suchen wir vergebens. Wohl gibt es
noch in Rom, in Torcello, Venedig, Palermo
und Monreale Werke und ganze Folgen von
wahrhaft monumentaler Gestaltung, danach
aber gerät das Mosaik in Abhängigkeit von der
reinen Malerei, das Gefühl für die Fläche nimmt
ab, die Formen werden weich, das Interesse
am Stoff wird stärker als die Freude an der
Form, und schließlich verfällt das Mosaik ganz
dem Bildhaften*).
In Italien ging die handwerkliche Uberlieferung
nie völlig verloren, die eigentliche Wiederbelebung
dieser uralten Kunst ergaben jedoch erst
die umfangreichen Wiederherstellungen frühchristlicher
Mosaiken, die in den päpstlichen
Werkstätten erfolgten.
In Deutschland gebührt den vereinigten Werkstätten
für Mosaik und Glasmalerei Puhl & Wagner
-Gottfried Heinersdorff in Treptow bei Ber-
*) S. August Hoff, Christliche Mosaikbildkunst, Berlin, 1925,
mit 24 Abbildungen, im Furche-Kunstverlag, Band 4 der
„Schöpfung", Beiträge zu einer Weltgeschichte religiöser Kunst,
herausgegeben von Oskar Beyer.
lin das Verdienst, die uralte Technik zu neuem
Leben erweckt zu haben. In langjähriger Arbeit
hat man dort an den Vorbildern der alten Meister
studiert und Versuche mit den verschiedensten
Glaspasten angestellt. In den Mosaiken
des Aachener Münsters, der Kaiser-Wilhelm-
Gedächtniskirche in Berlin, auf der Wartburg,
in der Abteikirche zu Maria-Laach und neuerdings
in den Schöpfungen Thorn-Prikkers,
Max Pechsteins, Emil Noldes und anderer,
darunter auch vor allem in dem Mosaikschmuck
für den „Gyllene Sälen", den Goldenen Saal
des neuen Stadthauses in Stockholm, ist die
alte Überlieferung mit neuem Gehalte erfüllt
worden.
Das neue Stadthaus der schwedischen Hauptstadt
ist von Ragnar Oestberg entworfen. Sein
kostbarster und in der Wirkung einzig dastehender
Raum ist der Goldene Saal, der diesen
Namen dem reichen Mosaikschmuck verdankt,
mit dem seine Wandflächen und die großen
Nischen der beiden Längswände bedeckt sind.
Trotz der Fülle des Goldes, das die riesigen
Flächen von 45 Meter Länge, 13 Meter Höhe
und 15 Meter Breite bedeckt, ist die Wirkung
weit entfernt von allem Aufdringlichen und
Protzigen. Das ist eben das große Geheimnis
der Mosaikkunst, daß das Gold nie in großen
Flächen gleichmäßig aufleuchtet,sondern immer
nur einzelne Teile, ja, nur einzelne Steinchen
aus dunkler Tiefe erglänzen. Der junge schwedische
Maler Einar Forseth hat, in Anlehnung an
schwedische Primitive, in den Kartons zu diesen
Mosaiken einen neuen Monumentalstil gesucht
und gefunden. Die groß gesehene Form tritt an
dem Sonnengott, am heiligen Erik, an der großäugigen
Mälarkönigin, die den ganzen Saal beherrscht
, auf das eindrucksvollste in die Erscheinung
. Mit kindhafter Ehrfurcht gestallet dieser
Künstler, der alle Formen vereinfacht, ein
koloristisch reiches und staikes Empfinden besitzt
und eine Kultur der Linie, um die wohl
viele andere ihn beneiden müssen. Flier waltet
tiefe Vergeistigung und visionäre Schau, und
die lapidare Vereinfachung und fast primitive
Stilisierung ist bei ihm aus dem tiefsten Verständnis
der Technik des Mosaiks heraus erwachsen
. prof. Dr. Walter Bombe
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