Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 58. Band.1928
Seite: 168
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_58_1928/0212
Verallgemeinerung übersieht dieser Kreis, daß
es sicli nicht um eine Verringerung, sondern
um eine Verschiebung von Werten handeil.
Nicht nur, daß modernes Gestalten das gesamte
Kunstgewerbe zu wesentlicher Verfeinerung
der handwerklichen Technik zu erziehen
versucht; es brachte eine ganze Anzahl neuer
Wirkungsmöglichkeiten und änderte so wohl
die Richtung, nicht aber den Umfang der Betätigung
. Unter diesen neuen dekorativen Werten
moderner Architektur stehen mit an erster
Stelle die Beleuchtungskörper.
Man hat sich an den Gedanken gewöhnt, daß
Licht nicht Licht ist, und daß eine brennende
Kerze und ein elektrisches Glühlicht als zwei
grundverschiedene Dinge betrachtet werden
müssen. So erstand gerade hier aus neuen technischen
Mitteln das Streben nach einer neuen
Form, die aber hier nur andere Werkkunst zu
Hilfe ruft, den dekorativen Wert der geänderten
Form aber eher steigert als vermindert und
aufräumen hilft mit dem Irr tum der „flämischen"
Krone mit imitierten Kerzen aus Porzellan.
Die nachfolgenden Zeilen gelten einigen Beispielen
dieser neueren Art, den Beleuchtungskörpern
der Architekten Runge & Scotland,
Bremen,wobei aber daran erinnert wird, daß ge-
radebei den Arbeiten dieser Architekten die eingangs
gegebenen Zugeständnisse keine Geltung
haben. Wie sie bei ihrer Architektur auf überlegte
Reife mehr Wert legen als auf ein blendendes
Experiment, so bewegen sich auch die
Entwürfe ihrer Beleuchtungskörper nicht in der
Problematik experimenteller Wagnisse, sondern
in jenem Gestaltungskreis, in dem feinsinnige
Ausnutzung und Kenntnis des Materials, kultivierter
Geschmack und überzeugende Liebe
zu dem schöpferischen Werk Erzeugnisse zeitigen
, die ganz persönlich sind und doch wirken,
als brächten sie die einfachste und die selbstverständlichste
Lösung.

Wie die geschwungenen Blätter einer tropischen
Pflanze wachsen die dreikantigen polierten
Messingarme der großen Krone im Treppenhaus
der Bremen-Amerika-Bank aus ihrem
Mittelträger und wirken in ihrer Gesamtheit
wie ein mit lebendiger Kraft beseelter
Lichtkörper, der den Luftraum der
zweigeschossigen Treppenhalle spielend beherrscht
. Oder sternförmig schießen Strahlen
aus der fassenden Kugel, auf ihren Spitzen erblüht
im Fächerkelch das Licht, fächerartig gefaltete
Messingschalen spiegeln Reflexe und

werfen das Leuchten verdeckter Glühkörper
von Fächer zu Fächer, daß das Metall aufblitzt,
als wäre es selbstleuchtendes Medium. Zu dem
Messing tritt das blanke überhämmerte Silber,
zudenMetallflächen Spiegelscheiben undFacett-
glas. So entstehen Lichterkronen von der dekorativen
Pracht der großen Deckenbeleuchtungen
im Yortragssaal der Böttcherstraße: Konzentrisch
übereinanderliegende Mattglas-Spiegelscheiben
, von den zwischen den Scheiben liegenden
Glühkörpern mit weichem Licht durchflutet
, von einem silbernen Blattkranz als
blitzendem Reflektor gekrönt. Im Gegenspiel
zu der großen geometrischen Form unter der
Decke an der Wand Lichtranken, die sich aus
schlankem Kelch entfalten und von welligen
Spiegelgläsern in maltrot lackiertem Holzrahmen
aufgefangen und in unbestimmten Wiederholungen
vervielfältigt werden. Wie sehr die
Architekten Runge & Scotland ihre Beleuchtungskörper
nichtals selbständige Scbmuckform
sondern als Teile ihrer Raumkomposition auffassen
, das zeigt die Spiralkrone im „Zelt",
einem Gesellschaftsraum, der wie die vorhergehenden
und die nachfolgenden Räume Teile
der von Runge & Scotland ausgeführten Bebauung
der Böttcherstraße in Bremen sind.
In immer weiter ausschwingender Bewegung
senken sich die Messingschleifen mit den Perlketten
der Liliputlampen in den hohen Raum,
in ähnlicher Lösung von den Architekten wiederholt
in dem „Museum", jenem Dachraum, auf
dessen meisterliche Zimmermannsarbeit schon
früher aufmerksam gemacht wurde. In der
„grünen Stube" werden die schlanken Arme, die
die Lichtteller aus Mattglas und die matten
Kugelbirnen tragen, zu hohen Blütenkelchen,
die sich zu einer Dolde von blitzendem Metall
und schimmerndem Glas vereinen. Ein äußerst
glückliches Beispiel für geschmackvolle Ein
heit von Raum und Beleuchtungskörper bringen
die Lichtträgerin den „Weinstuben St. Petrus",
einem in holländisch-niedersächsischem Charakter
gehaltenen hohen Restaurationsraum.
Hier tragen, an Ketten an den Deckenbalken
aufgehängt, dunkle Eichenrahmen einen schmiedeeisernen
Lichterbaumund verbleite Laternen,
eine Kombination, die an der traulichen Stimmung
dieses Saales mit seinen bemalten Fliesen
und seinen hohen Fenstern entscheidenden Anteil
hat.

Von besonderem Reiz als persönliche Schöpfung
ist die Krone im Haupttrej)penhaus. Der Lauf

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