http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_58_1928/0254
neuerung der Hauptverkehrsadern vom Bahnhof
zum alten Stadtkern um den Markt, der
Königsstraße besonders, in deren Zug die
Lorenzer-Kirche steht, erfolgte durchaus in der
Weise, daß man Kopien deutscher Renaissancebauten
anfertigte, die wie Karikaturen wirken.
Denn wohl sind Motive und Elemente, Giebel,
Erker,Por tale von Renaissance-Palästen imitiert,
aber sie zu einer Einheit zusammenzuschweißen,
dazu fehlt das „geistige Band"; wie sollte es
auch vorhanden sein, angesichts der Tatsache,
daß Erdgeschoß und erstes, wohl auch zweites
Obergeschoß eines nach Art eines Patrizierhauses
des 16. Jahrhunderts gestaltetes Gebäude
von igoo Läden, Geschäftsräume, Wirtschaftsbetriebe
usw. aufzunehmen hat!
Was also ? Soll man in Potsdam, in Hildesheim,
in Bamberg oder in einer x-beliebigen anderen
Stadt, wenn es sich darum handelt, in den von
historischen Bauwerken besäumten Straßen
einen Neubau zu errichten, ihn ohne Rücksicht
auf seine Nachbarschaft in der Formensprache
des Heute, im Stil etwa der Wohnhausbauten
der Kolonie Weißenhof bei Stuttgart oder des
von Elsässer entworfenen Schulhauses am
Riederb erg in Frankfurt erstellen? Auch das wäre
falsch;es hießenach der andernSeitehinüber das
Ziel hinausschießen. Auf keinen Fall will ich
nun aber, indem ich der Verbindung von Pietät
und zeitgenössischem Ausdruck das Wort rede,
auf den sattsam bekannten, in künstlerischen
Dingen niemals zu guten Zielen führenden
„goldenen Mittelweg" hinweisen. Gewiß muß
man dem Zeitgeist Rechnung tragen. Das ist
die Haup tsache und das Entscheidende. Denndas
tat jede Epoche, die etwas zu sagen und auszudrücken
hatte und die etwas auf sich hielt; es
sei nur an den Anbau von Baltasar Neumanns
Grabkapelle der Schönborn-Familie an den gotischen
Würzburger Dom oder an die Rokoko-
Umgestaltung des Inneren des Ebracher Münsters
erinnert!
Unsere Zeit soll auch im historischen Milieu
aus dem Geist unserer Zeit heraus bauen. Aber
sie soll dabei nicht in brutaler Weise das Alte
beiseiteschieben, als sei es nie gewesen oder als
habe es wenigstens nie Bedeutung besessen.
Zweifellos läßt sich beides verbinden: moderne
Formensprache der Architektur und Achtung
vor der Tradition. Ich erinnere als an ein markantes
Beispiel an Clemens Holzmeislers Bau
des Salzburger Festspielhauses. Man hat mit
Recht behaupten können, dieser Bau sei mit
seiner historischen Umgebung verwachsen, als
wäre er immer gewesen, obwohl der im Geiste
unsererZeit wurzelnde^Ville dominiert. Holzmeister
ist bewußt in Wettbewerb getreten mit
dem bestehenden Alten, er hat es ergänzt, ohne
es zu kopieren, aberer hat sich seine proportioneilen
, seine struktiven Gesetze zu eigen gemacht
. Und darauf kommt es eben an. Wer
in historischer Umgebung baut, soll nicht die
Stilmaskerade mit- oder nachmachen, die vor
fünfzig und selbst noch vor zwanzig Jahren
üblich war, er soll sich auch nicht an Äußerlichkeiten
der Dekoration, der Ornamentik halten,
sondern er soll die schönen, großen Verhältnisse,
die Ausmaßeaufnehmen;ersollRaumgefühl besitzen
und bekunden, soll für gutes Aneinander-
passen, für neutralisierende Ubergänge, für eindrucksvolle
Überschneidungen sorgen. Der architektonische
Ausdruck unserer Zeit liebt,
wenigstens in der Außenarchitektur, das Ornament
nicht, wendet es gar nicht oder nur sehr
sparsam an, er ist konstruktiver Art und so
besitzt er in viel höherem Maße Angleichungs-
möglichkeiten als ein dekorativer Stil. Es bedarf
also nur ein wenig des Takts und des unerläßlichen
Verantwortlichkeitsgefühls, und das
Bauen aus dem Geist unserer Zeit unmittelbar
im Zusammenhang mit historischen Bauwerken
ist zu lösen. Nur erfordert es überdies bauliche
künstlerische Qualität als selbstverständliche
Voraussetzung. g. j. Wolf
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