http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_58_1928/0264
RUDOLF LORENZ, WIEN. SCHLAFZIMMER EINES HERRN
SESSEL VON ARGH. HUGO GORGE
mußten, weil sich Handwerkskunst und Wohnkultur
vom Zeichentisch aus nicht dekretieren
lassen, auch von den einfallsreichsten
Entwerfern und den geistreichsten Stildogmatikern
nicht, da die Yollkommenheitsideale
einzelner Akademiker im Bereiche der angewandten
Kunst noch weniger taugen als in anderen
Bezirken. Als grundlegende Notwendigkeit
war von Lorenz erkannt worden, dem
Handwerker und dem Publikum beizubringen,
daß von ersterem das Nächste, das Brauchbare,
das Nützliche, Bequeme und zugleich auch
Scheine geleistet werden müsse, und zwar so
gut er es überhaupt zu leisten vermag.
Nachdem Rudolf Lorenz zu der Erkenntnis
gelangt war, daß auf dem Gebiete derWohnungs-
kunst tüchtiges Handwerk dem „geschmackvollen
" Artistentum vorzuziehen sei, ja daß dem
Kunsthandwerk, namentlich dem deutschen und
österreichischen, die „Anregungen" seitens
hemmungslos in üppiger Formenphantasie
schwelgender Entwerfer nur schwer zu über-
windende Hemmungen, schwer wieder gut zu
machende Schäden bereiten, begann er mit der
Purifizierung aller Geräteformen, die er gestaltete
. Er wollte nicht nur schönen Schein,
sondern gutes Sein darbieten und tat dies auch
kraft des lauteren Willens und seiner im volkstümlich
Wesenhaften wurzelnden Gestaltungsfälligkeit
. So entstanden denn, ganz unprogram-
matisch in allem Übrigen, gleichsam mit natürlicher
Unaufhaltsamkeit wachsend, unter seiner
flinken und geschickten Hand die mannigfachsten
Möbelformen, Raumgestaltungen und
Baugebilde.
In einer Auswahl, für welche die Schriftleitung
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