Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 59. Band.1929
Seite: 2
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GUSTAV KLIMT f. ADAM UND EVA

eine neutrale Technik mit, die den Weg nach
allen Seiten offen ließ. Und er hat von vielen
Seiten an sich gesogen, aber nicht mehr wie
Makart von den Italienern — Carlo Crivelli
geistert nur lerne vorbei —, sondern Extrakte
seiner Zeit (Japan ist ja für uns auch Gegenwart
). Das Wesentliche bleibt immer seine
durchdringende Einfühlung in Menschen, sei
es ein lächelnder Säugling oder ein seelisch
hingegebenes Mädchen oder eine in Erinnerungen
lebende Greisin: man spürt keine Distanz,
nur ein unmittelbares Ineinanderfluten. Und
diese seelische Versenkung reicht bis in die
Landschaften und Dinge, ja bis in die geistigen
Begriffe. Er begann historisierend (Deckenbilder
im Burgtheater, Zwickel im Museum).
Dann, nachdem er sich selbst gefunden hatte,
tauchen Menschen und Dinge (wohl unter dem
Einfluß Carrieres) fast körperlos und doch
struktivaus einem tiefen Grunde wie aus leuchtender
Flut empor, schimmern, perlen, flirren
an einzelnen Stellen wie Staub von Edelsteinen.
Gemusterte Stoffe fließen verwirrend weich,
Schuppiges blinkt auf wie tote Augen. In der
mittleren Zeit wird die W irkung der hieratisch
strengen,steilen NiederländerMinne undToorop
und des traumhaften Symbolikers Khnoopf
fühlbar: Menschen berühren, umschlingen sich
pflanzenhaft, aufgelöst in Gefühle. Magische
Zeichen schieben sich dazwischen. Die Darstellung
halberhellter Seelenkomplexe, seither
oft versucht, ist da vorweggenommen. Dann
wendet er den Pointiiiismus ins Ornamentale,
gibt aber selbst im tapetenhaf ten Aufbau eines
Laub- oderStoffgewirres,einer Blütenpyramide,
noch immer subtilste Beobachtung. Oder er
mauert einen Steilhang zu raumloser Fläche
fast ohne Himmel und gibt doch um ein
ungreifbar Seelenhaftes mehr als bloß Dekoratives
.

Seine sensualistische Lebensauffassung enthüllt
sich in den drei (zurückgewiesenen) Deckenbildern
für die Universität. In der„Philosophie"und
„Medizin" die sinnlos durch den Raum gejagte
Menschheit, wie an einer Milchstraße aufgereiht.
Unten ein leuchtender Kopf, Sinnbild des
menschlichen Geistes, der Wissenschaft. In der
„Jurisprudenz" trostloser Pessimismus. Die
„Theologie" darzustellen weigerte er sich. Sie
sollte von Matsch ausgeführt werden. In dieser
Ehrlichkeit Hegt ein Bekenntnis des ausgehenden
19. Jahrhunderts: daß es zu den religiösen
Dingen keine innere Beziehung fand.

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