Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 59. Band.1929
Seite: 26
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_59_1929/0048
diesjährige venetianische Internationale („La
Biennale" ist ihr offizieller Titel, und es ist die
16. in der langen Reihe), welch großen Wert
eine solche vergleichende Ausstellung gerade in
Zeiten des Übergangs und des Schwankens haben
kann, wie Anregung, Besinnung und Erhebung
von ihrer Erscheinung ausstrahlen, wie die über
Politik und völkische Abneigung oder Freundschaft
hinaus unparteiische, überna tionaleKunst
und der in ihr wohnende große Kulturgedanke
triumphieren. Solche Behauptung kann freilich
nur dann gelten, wenn man die Kunst
um der Kunst willen pflegt. Im Pavillon der
Sowjet-Republiken-Union herrscht ein anderer
Geist. Hier hat man die Kunst (und oft sehr
tüchtige handwerklich-künstlerische Kräfte) in
den Dienst der Politik gestellt. Riesige Leinwanden
, die an Format und Gesinnungstüchtig-
keit alles weit hinter sich lassen, was Anton von
Werner je gemalt, preisen den Umsturz, seine
Taten, seine Zustände. Dies ist der Weg zum
politischen Plakat. Es ist interessant, zu wissen,
daß ihn das Rußland von heute einschlägt; mitgehen
werden wir ihn freilich nicht wollen
Auch bei den Spaniern, bei denen die g roß-
formatigen Bilder von Ortiz den Ton angeben,
und den sich im wesentlichen auf die Graphik
beschränkenden Tschecho-Slowaken, auch bei
den Holländern, bei denen W. A. van Konynen-
burg und W. Schumacher im Vordergrund
stehen, und bei den im übrigen etwas dünn erscheinenden
Ungarn schlägt das nationale
Moment stark durch, aber nie im tendenziös-
stofflichen Sinn, sondern als Ausdruck typisch
nationaler Gestaltungskraft und Gestaltungsart
.

Wenn ich auf den Pavillon der Deutschen zu
sprechen komme, dem Geheimrat Friedrich
Dörnhöffer-München als verantwortlicher Leiter
und Organisator seine Arbeitskraft widmete,
so muß ich sagen, daß er seinem Inhalt nach
auf starke Wirkung völlig verzichtet. Er versucht
es, mit. stiller, unaufdringlicher Kunst, die
es mehr „in sich" hat, als daß sie etwa wie die

Kollektionen der Spanier Ortiz, Solana,Zubiaure
stark nach außen schlüge, für Deutschland herzliche
Eroberungen zu machen. Er stellt den
späten Lovis Corinth mit einer „Mostra indivi-
duale" in den Mittelpunkt, den gebrochenen,
alten, allerdings auch raffiniert überfeinerten
Corinth der Blumensträuße, Walchenseelandschaften
und imbezillen Akte. Aber man hat in
ftalien (un d hat auch in Frankreich) für derartige

artistische Morbidezza wenig Verständnis. Ebenso
halte ich die Kollektion von Franz Marc für
fehl am Ort: Marc starb am Wege; was wir hier
von ihm sehen, das sind Ansätze, nirgends gibt
es Erfüllungen. Emil Noldes kraftvoller Kolo-
rismus wirkt stolzer und inniger als diese geistreiche
Verblasenheit. Im übrigen bilden Gemälde
und Aquarelle der Neuen Münchener
Sezession den Stramin, in den des weiteren
Werke vonDix,Hofer, Kirchner,Klee,Schmidt-
Rottluff eingewirkt sind. Plastik sieht man
von Albiker, Bleeker, Kolbe, Claus, Knappe,
Wackerle, Scharff, Fritz Koelle undLehmbruck;
von beiden letzteren zeigt man Kollektionen,
die das frischeste und fesselndste der deutschen
Abteilung sind.

In jedem der neun Staaten-Pavillons gibt
es „Mostre individuale". Einige nannte ich
schon. Zu den malerisch stärksten Nachklängen,
die einem von der Ausstellung bleiben, gehören
die Werke von Henri Evenepoel (1872—1900),
die man bei den Belgiern sieht: das ist erlesenste
Malerei,großes technischesKönnen, das sich doch
nirgends im nur Malerischen, nur in der Pinselkultur
verliert. Im übrigen fühlt man sich in
diesem Pavillon besonders zu Leon Frederic und
Eugene Laermans hingezogen. Die Kollektionen
der Engländer Orpen, Dobson, der Plastiker ist,
A. K. Lawrence, A. John machen einen reichlich
flauen Eindruck. Dagegen hat Frankreich Stärkstes
einzusetzen, da es in ziemlich ergiebigen
Kollektionen Paul Gauguin, Henri Matisse und
Antoine Bourdelle,den Bildhauer,zeigt. Obwohl
die große Gauguin-Ausstellung in Basel einen
beträchtlichen Teil der Werke dieses Meisters,
der ja kein Vielmaler war, absorbiert, genügt
auch die Reihe der hier versammelten Gemälde,
um diesen Abseitigen, Eigenbrötler zu charakterisieren
. Es ist nicht nur seine Südsee-Zeit repräsentiert
, sondern auch seine Studienjahre in der
Bretagne werden schaubar. Gauguins Zusammenhänge
mit den Schöpfungen der Primitiven
machen vor allem seine plastischen Versuche
, Holzschnitzereien, die direkt von Tahi-
tanern zu stammen scheinen, anschaulich.
Wirkt Gauguin heute schon fast wie ein Klassiker
, so steht Henri Matisse desto mehr im
Kampf; sein Werk, so kühn in der Farbe als
absonderlich in der Stoffsetzung und Komposition
, ist bewegt vom K ampf des Heute, durchjagt
vom heißen Atem dieses Tags. Man nimmt
zu ihm nicht Stellung im Sinn: dies ist gut, und
jenes ist weniger gut, sondern man nimmt sein

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