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ANTOINE BOURDELLE. BÜSTE RODIN
Ausstellung Venedig
Werk hin als etwas sehr Lebendiges, Frisches
und Starkes, als unmittelbare Ubersetzung heutigen
Lebensgefühles in die Kunst.
Die Italiener selbst nehmen für ihre nationale
Ausstellung innerhalb der internationalen Ver-
anstaltung den breitesten Raum (4o große Säle)
in Anspruch. Begreiflicherweise ist deshalb die
italienische Abteilung im großen und ganzen
weniger gesiebt als die der zu Gaste geladenen
Nationen. Man sieht hier nicht nur Leistungen
der Spitzen, sondern auch des Durchschnitts.
Aber auch die italienische Abteilung hat ein
anständiges Niveau, wie sie auch bemüht ist,
durch Sonderveranstaltungen, ohne die heute
keine Ausstellung mehr auskommt, die Aufmerksamkeit
der Besucher auf sich zu lenken
und für Abwechslung und Belebung zu
sorgen. Der große, vielleilige Festsaal
der Ausstellung faßt nämlich eine Theaterausstellung
, die in geschicktem Nebeneinander
die Auffassungen von
Kunst der Bühne bei verschiedenen
Nationen veranschaulicht: der Nachdruck
ist natürlich auf Italien gelegt,
das in grotesker Weise von der alten
opernmäßigen Guckkastenbühne bis
zum futuristischen Bühnenbild alle Stadien
durchläuft.
Besonders gelungen ist eine retrospektive
Kunstausstellung, die der italienischen
Malerei des ig. Jahrhunderts gilt. Von
Appiani bis Segantini ist eine Entwicklung
aufgewiesen, die man sonst verhältnismäßig
wenig kennt. Wie seinerzeit
die deutsche Jahrhundert-Ausstellung
in der Berliner Nationalgalerie die
Ehrenrettung eines zu Unrecht vielgeschmähten
Kunstjahrhunderts bedeutete
, so bringt auch hier eine viel
kleinere, aber deshalb um so auserlesenere
, nur auf die besten J^eistungen
echter künstlerischer Persönlichkeiten
beschränkte Sammlung Licht in den
Werdegang der neuen italienischen
Kunst. Es sind ausgezeichnete Leistungen
darunter, es fehlt nicht an neuen
Namen und vor allem nicht an Parallelen
zur deutschen und französischen
Kunstentwicklung. So ist es z. B. merkwürdig
, daß einige sonst weniger geschätzte
, recht sentimentale Genremaler sich
hier als Porträtisten von Rang erweisen; man
erlebt das nämliche, wenn man in der neuen
Düsseldorfer Galerie die Bildnisse von Knaus
und Vautier, deren Genrestücke heute nicht
mehr recht genießbar sind, betrachtet.
Das neue Italien der Malerei und Plastik zeigt
das gleiche vieldurchfurchte Antlitz, wie wir es
von Frankreich und Deutschland kennen. Abklingender
Impressionismus schwingt sich
hinüber zur neuen Sachlichkeit, und aus
den Ruinen des Futurismus blüht der magische
Realismus empor. Namen hier zu
nennen und die Werke im einzelnen zu kennzeichnen
und zu beurteilen, geht nicht an.
So sei nur auf eine Gruppe von Künstlern
hingewiesen, die man im allgemeinen als die
„Neu-Mailänder Schule" bezeichnet. Jhr Streben
ist nicht so fast gekennzeichnet, wenn
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