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man sagt, es käme ihnen auf das Zeichnerische
an und sie hingen von Ingres ab und mit ihm
zusammen. Vielmehr scheint mir, daß es bei
ihnen nicht allein auf den äußeren Kontur
ankommt. Der innere straffe Aufbau eines
Kunstwerkes aus struktiven Momenten und
aus gesunder Kunstgesinnung ist für sie
wichtiger. Die Führer dieser Richtung sind
Ubaldo Oppi und Feiice Casorati. Die Wand
mit den eindrucksreichen und einprägsamen,
farbenstarken Gemälden Casoratis ist, wenn
man Konzentration, gespannte Kraft und zeitgenössisches
Empfinden als die entscheidenden
Momente in der Kunst ansieht, wohl das Beste,
was die Ausstellung in Venedig zu geben hat.
Georg Jacob Wolf
VOM WESEN DES KÜNSTLERISCHEN SCHAFFENS
UND NACHERLEBENS
Zwischen der Psychologie des künstlerischen
Schaffens und Genießens auf der einen, der Betrachtung
des Kunstwerks auf der anderen Seite
besteht, wie mir scheint, ein wesentlicher
Unterschied.
Aus diesem Grunde möchte ich das Buch des
österreichischen Philosophen Ernst Roth über
„Die Grenzen der Künste" *), von vornherein
lieber in eine geistige Atmosphäre gestellt wissen
, die seinem durchaus und lediglich psychologischen
Charakter gemäß ist. Roth untersucht,
streng genommen, nicht die Grenzen zwischen
den Künsten, sondern die Differenzierung der
für die verschiedenen Künste kennzeichnenden
Erlebnisse. Und auch das noch in beständigem
Wechselspiel zwischen zweierlei Erlebnistypen,
deren weitgehende Analogie er keineswegs so
ganz glaubhaft zu machen vermag: dem Erlebnis,
das den Künstler zum Schaffen anregt (und,
das nun auch noch keineswegs der Vorgang
des Schaffens selbst ist) und dem Nacherleben
des Kunstwerks in der Seele des Genießenden.
Eine umfassende und erschöpfende Kunsttheorie
kann auf diesem Wege nicht wohl Zustandekommen
; da aber anderseits der österreichische
Autor trotz seiner Einstellung auf
Erlebnisanalyse keineswegs einer „wertfreien"
Betrachtungsweise zuneigt, ergibt sich eben eine
Mischgattung, die in gewissem Grade das Temperament
des Verfassers widerspiegelt: denn
auch hier finden wir eine nicht ganz gewöhnliche
, übrigens auch nicht reizlose Mischung
von sachlicher Vernünftigkeit und zufahrendem
Temperament.
*) Stuttgart, J. Engelhorns Nachf., 1925.
Um es gleich zu sagen: es geht Ernst Roth
nicht etwa um die bildenden Künste im besonderen
. Ihm ist die Bildnerei als Ganzes (und hier
denkt er offenbar nur an Malerei und Plastik: der
Architektur wird mit keinem Worte Erwähnung
getan, vermutlich deshalb, weil sie in seine
allgemeine Forderung, die Kunst solle „frei von
Rücksicht auf das tägliche Bedürfnis" sein, nicht
hineinpaßt) nur eine der drei künstlerischen
Grundmöglichkeiten, die seiner Meinung nach
den drei Möglichkeiten des Erlebens entsprechen
: während dem Erlebnis des Gefühls
die Tonkunst Ausdruck verleiht, der Gedanke
in der Dichtung seine Ausprägung empfängt,
ist die Empfindung (genauer gesprochen: die
durch das Auge vermittelte Sinnesempfindung)
Domäne des bildenden Künstlers.
EinUberschuß an Empfindungsinhalt bezeichnet
also den bildenden Künstler. Der Zustand des
bildnerisch veranlagten Menschen bei der künstlerischen
Empfängnis ist — darin hat Roth
ganz recht — nicht als „Denken" charakterisiert;
darum ist — auch darin hat er recht — der
Terminus „Abstraktion" für das Verhalten
des Bildners zu seiner Naturunterlage von vornherein
kein glücklicher, und eben deshalb ist
er schließlich auch ein geschworener Feind des
Expressionismus,gegen dessen typische Hervorbringungen
er den Vorwurf erhebt, sie fixierten
bestenfalls auf graphischem Wege Gedanken
, nicht aber eine bildnerische Erscheinung.
Was für einen Profit ergäbe wohl solche Uber-
schreitung der den einzelnen Künsten gesteckten
Grenzen? Ins Reich des Gedanklichen vorgedrungen
, könne der Bildkünstler mit all seiner
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