Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 59. Band.1929
Seite: 34
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sich durchaus richtig: wenn er aber mit seiner
Klage über denMaiigelmonumentaler Aufgaben
die Hyperintellektualisiertheit unserer bildenden
Kunst gleichsam objektiv zu begründen
versucht, so kann ich ihm darin nicht ganz beipflichten
(der heutige Bildner findet in Graphik,
Tafelbild, Kleinplastik usw. nun doch schon eine
stattliche Auswahl seit Jahrhunderten bewährter
nichtmonumentaler Ausdrucksmöglichkeiten).
Anderseits scheint mir Roth hingegen die Bedeutung
des objektiven Elements für das künstlerische
Schaffen entschieden zu unterschätzen,
wo es um den maßgebenden Einfluß der Kunstmittel
geht: diese lassen sich nicht nach Lust
und Laune improvisieren, sondern erweisen sich
in nicht geringerem Maße wesensbestimmend,
grenzsetzend, als die von ihm untersuchten
psychologischen Gegebenheiten. Und darum
wird auch seine rein psychologische Kutist-
theorie, so originell sie ist, niemals die älteren,
vom Objekt ausgehenden, zu ersetzen imstande

sein. Franz Arens

CHARLES DESPIAU

Rodiiis plastisches Werk ist in einem kaum jemals
vorher beobachteten Umfang Ausdruck
einer ganzen Zeit, der Epoche des Impressionismus
, gewesen. Aber die Welt und ihre Anschauungen
haben sich unterdessen, sogar
mehrere Male, gründlich geändert. Und die Gegenwart
sieht deshalb in Rodin, ohne den Respekt
vor ihm zu verlieren, nur Vergangenheit.
An seiner Stelle ist Aristide Maillol zum Künder
neuen Formgefühls geworden. Und wenn auch
seine geistige Potenz die von Rodin nicht ganz
erreicht, so steht doch ein großer Teil der jüngeren
Plastiker, und nicht nur Frankreichs,
direkt oder indirekt unter seinem Bann und
Einfluß. Das Wesen dieses neuen Formgefühls
aber ist, im Gegensatz zur Auflockerung und
zur gewollten Unbestimmtheit, zur fließenden
Form Rodins, die straffe Zusammenfassung der
Erscheinung in einfachen, großen Formen. Man
könnte auch sagen: in klassischen Formen. Denn
die letzte Konsequenz dieser Richtung ist oder
wäre die griechische Plastik der besten Zeit. Auch
an Altägyptisches darf man gelegentlich denken.
Es ist ein Wiederzurückführen der Plastik aus
Grenzgebieten zu ihren eigentlichen Urbezir-
ken, aus der im Grunde unplastischen Bewegtheit
zur statuarischen Ruhe. So ziemlich dasselbe
läßt sich über das Schaffen von Charles
Despiau (Paris) sagen, der mit Selbständigkeit
ähnliche Wege wie Maillol und zu verwandten
Zielen geht und dessen Arbeiten, vor allem
seine Porträtbüsten, heute schon eine Klassizität
haben, die sie hoch über den Durchschnitt erhebt
. Es ist ein schönes Schauspiel, wie in
diesen Köpfen das Persönliche sich in reinster,

von allem Nebensächlichen befreiter Prägung
offenbart und die auf das ^Wesentliche zurückgeführte
Form zugleich zeittypische Bedeutung
gewinnt. Das ist allerdings nicht antik, sondern
ein Kennzeichen der Piastiken der Renaissance.
Aber es sollte ja auch nicht gesagt sein, daß die
Antike das Vorbild oder die einzige Grundlage
der Kunst Despiaus sei. Er nimmt sein Gutes,
wo er es findet. Die Synthese aus verschiedenen
Elementen aber, die sich manchmal fast
auszuschließen scheinen, ergibt etwas Neues,
das im Grunde, wenn wir ganz aufrichtig sein
wollen, doch mit nichts unmittelbar zu vergleichen
ist. Es ist das Gesicht der Zeit, unserer
Zeit, das uns aus diesen Plastiken ansieht.
Und wir müssen sagen, daß diese Zeit nicht so
schlimm und hoffnungslos sein kann, wie viele
sie darstellen möchten, wenn ihre Seele sich in
den klaren und edlen Gebilden dieser monumentalen
Büsten verkörpern kann. Bewundernswert
ist übrigens auch das Technische, die Feinnervig-
keit der Fingerspitzen Despiaus, die alle Oberflächen
mit leise vibrierendem Leben erfüllen
und dem Material seine Schwere nehmen, es
also gewissermaßen entmaterialisieren. Und
Beachtung verdient, wie dieser Künstler in
seinen Arbeiten Einst und Heute verbindet, und
wie die große Linie, die von der Antike über
die Renaissance bis zur Gegenwart führt, durch
ihn halb bewußt und halb instinktiv weitergeleitet
wird. Despiaus Plastiken sind weithin sichtbare
Stationen auf dem geraden Wege, der aus der
wohlverstandenen Tradition über die Gegenwart
in eine Zukunft führt, die Vertrauen verdient
. Richard Braungart

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