Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 59. Band.1929
Seite: 52
(PDF, 106 MB)
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eingespannt. Die Ausdrucksmöglichkeiten der
Vorkriegszeit sind geklärt und in ein System
gebracht, gleichsam kristallisiert, die Sprache
weiter abgekürzt und verdeutlicht. Man nennt
ihn verwundert einen Expressionisten. Harlekine
, Masken im Wald, sich umarmende Mäd-
shen sind die neuen Motive. Die ehemals melancholischen
Menschen scheinen jetzt gequält und
unfrei. Die neue Strenge zeitigt noch einmal
die Möglichkeit zur Monumentalmalerei: 192O
entsteht das Wandgemälde „Einsturz der Mauern
von Jericho", in einem Seitenraum der
Stettiner Kunsthalle, nur als Probearbeit zur
Ausmalung des großen Kuppelsaales, die nicht
ausgeführt wurde.

Die Formen verschärfen sich weiter bis etwa
1923. Darm folgt längsam Beruhigung, Rundung
der Ecken, Entspannung. Aber noch nicht zu
neuer Schönheit sondern zu einer neuen Entsagung
. Er malt Stilleben mit Blechkannen und
Tontöpfen, Pappschachteln und Kordeln. Die
Farbe wird trockener, bewußt reizloser und erst
ganz allmählich unter dem Eindruck südlicher
Landschaft (er lebt häufig in Tessin) beginnt sie
wieder zu blühen. Was er erstrebt, ist immer
noch Vereinfachung der Formen und vor allem
des Ausdrucks, eine abgekürzte Sprache für
seelische Empfindung, mit jener überzeugenden
Eindeutigkeit, die ihn so berufen macht, der
Jugend zu lehren, die aus der herrschenden
Fessellosigkeit hinaus nach neuen Begrenzungen,
Regeln und Formen strebt.

So steht das Werk des Fünfzigjährigen vor
uns, seine Landschaften mit einfachen kubisch
erfaßten Häusern, von ruhig fließenden Berglinien
kulissenartig hinterstellt. Ein Mädchen
mit Kürbissen in eine klare Dreieckkomposition
hineingebildet, das Porträt der Dame im
Sessel, dessen einfache Rundung in der Linie
des Kopfes wiederklingt, geben Beispiele für
die bewußte Deutlichkeit eines Kompositionsprinzips
für jedes Bild. In den Gemälden mit

neuen Motiven, wie jenem „Maskenfest1,1 voll
fast grotesker, weil schwerfälliger Lustigkeit,
indem einzelne Köpfe nahezu gespenstisch
werden, zeigt sich seine große Zeichenfähigkeit.
Es gibt auch Bilder mit bewußt unheimlicher
Wirkung, wie die „Großaufnahme", die um
den Kopf der Fahnenträgerin mit den kreisrund
aufgerissenen Augen komponiert ist oder
den aus dem Dickicht schießenden „Wilderer
" in phantastisch zerflattertem Licht.
„Das Romantische habe ich besessen, ich habe
das Klassische gesucht", sagt er von sich
selbst, oft, kann man sagen, hat er es erreicht.
Aber das Romantische lebt latent weiter und
bricht von Zeit zu Zeit immer wieder durch.
Zuletzt Hof er selbst, 1928, ruhig, scharfgeschnitten
, umgeben von den schlichten Gegenständen
seiner Bilder: Töpfen, Kannen, Blumen,
im Hintergrund matt aus dem Dunkel scheinend
südliche Häuser und ein Turm. So stellt sich
der Fünfzigjährige uns dar.
Hofer gehört zu der Generation der um 1880
geborenen Künstler, die [unserer Epoche das
Gesicht gegeben haben, noch durch keine neuere
Schicht zurückgeschoben. Er gehört zu
ihren Altesten, war aber nie einer ihrer Führer,
so wenig, wie er von den Jüngeren abhing. Seine
stille, hingebungsvolle, weibliche Empfindungs-
welt liebende Art eignete sich nicht dazu, zur
Folgschaft eines neuen Stiles mitzureißen. So
war sein Name noch nie ein Programm und erst
der zur Reife Gelangte wirkt auf die Jungen als
Lehrer. Aber er war eigentlich auch nie ernstlich
befeindeten dem Maße, wie er wuchs, wurde
er anerkannt. So wie Reinhart ihm die Möglichkeit
gab, ohne äußere Sorge zu leben, so folgt
ihm verständnisvoll ein, wenn auch nicht großer,
so doch maßgeblicher Kreis der Kenner, und
heute sind seine Bilder in allen großen deutschen
Museen zu finden: ein seltener Glücksfall
in dieser der Kunst so wenig günstigen

Zeit. Alfred Hentzen

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