Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 59. Band.1929
Seite: 57
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_59_1929/0083
der mehr als vier Jahrzehnte seit dem ersten Auftreten
Stucks vollzog, hat ihn selbst wenig berührt
; es hat nichts Wesentliches in seinem eigenen
Schaffen zu ändern vermocht. Stuck machte
rasch auftauchende und ebenso rasch abflauende
künstlerische Moden nicht mit, stand aber auch
Bewegungen der Kunst ablehnend gegenüber, die
nicht nur die Oberfläche erregten, sondern aus
der Tiefe kamen, und mit der völligen Neurichtung
und Änderung des Lebensgefühls, mit dem
neu geordneten Kulturkomplex dieser Zeit zusammenhängen
. Man hat Stuck wegen dieses
mangelnden Eingehens auf Ideen und Bestrebungen
des zeitgenössischen Kunstschaffens in
seinem späteren Schaffen zuweilen als aus der
lebendigen Entwicklung ausgeschaltet betrachtet.
Man vergaß darüber, daß es das Los aller ist, die
als ausgesprochene, starke Persönlichkeiten schon
in jungen Jahren mit großen Erfolgen in die
Entwicklung eintreten, spätere Entwicklungsphasen
nicht mehr aufzuzeigen. Bei Stuck war dies
in ganz besonderem Grade der Fall. Erstaunlich
wie sein steiler Emporgang waren auch seine
frühesten, jungen Siege, die zusammenfielen mit
dem Aufstieg der Münchner Secession, die Stuck
mitbegründete, der er mehr als 35 Jahre hindurch
in Treue anhing und diente im Ausschuß und bei
der Jury und zuletzt als ihr stellvertretender
Präsident. Stuck hat einen Triumph wie den dieser
früheren Erfolge später nicht mehr erlebt:
dies lag in der Natur seiner künstlerischen Persönlichkeit
; es wurde weit durch andere Werte
aufgewogen.

Wie Bembrandt war Franz Stuck ein Müllerssohn
; in Tettenweis in Niederbayern wurde er
am 25. Februar 1863 geboren. Ob vielleicht ein
versprengter Tropfen altrömischen Blutes aus der
Zeit der Bömerherrschaft Vindeliciens in ihm
wieder virulent wurde, wer weiß es? Jedenfalls
ist in der Erscheinung und im Wesen Stucks viel
Bomanisches gewesen, und er scheint unter seinen
Landsleuten stets die „rara avis" gewesen zu sein.
Die Kunstgewerbeschule und Akademie in München
durchlief er, ohne viel zu gewinnen, aber auch
ohne Schaden zu nehmen. Erbewies von Anbeginn
starken dekorativen Sinn, eine originelle Art, die
Dinge zu sehen und zu gestalten, und einen ganz
persönlichen Strich bei seinen Zeichnungen.
Denn als Graphiker begann er, er zeichnete und
illustrierte und benützte wie mancher andere in
jenen Tagen die „Fliegenden Blätter" als Sprungbrett
. Innerlich aber zog es ihn von jeher zur
Malerei. Ein sinnenfreudiger Mensch wie er
bedurfte der Farbe. Er malte hell und durchsonnt
, die Schatten farbig, alles Dargestellte in
das höchste Licht getaucht. Dazu mußte man die
Palette anders aufsetzen, als es damals in München
gebräuchlich war — Stuck tat es und siegte. Auf

der Internationalen Kunstausstellung München
188g erschien sein „Wächter des Paradieses" : ein
Sturm des Beifalls, eine Flut der Entrüstung
brach los — Stuck hatte damit gesiegt! Im künstlerischen
München schwebte sein Name fortan
auf aller Lippen, und jahrein, jahraus erschienen
Gemälde, die dazu angetan waren, diesen Buhm
zu vertiefen, zu festigen, weiter in die Welt hinauszutragen
. In der Tat wurde Stuck, neben dem
damals noch lebenden und in der Vollkraft des
Schaffens stehenden Franz Lenbach, der berühmteste
Münchner Künstler, ein Jung-Meister
von internationalem Buf. Sein „Krieg" und seine
„Sünde", die „Innocentia", die „Spielenden
Faune", „Sphinx", „Forellenweiher", „Vertreibung
aus dem Paradies", „Kreuzigung Christi"
sind Stationen auf dem Weg zur Höhe, den äußerlich
die Berufung in das Professorenkollegium
der Münchner Akademie, als er das dreißigste Jahr
kaum überschritten hatte, die Verleihung des
Adelsprädikats und der stolze Bau seines Hauses
und seiner Werkstatt auf der Bogenhausener
Höhe markieren. Stucks Aufstieg ist wie ein
glückhafter Boman : aus dem Tettenweiser Müller
j ungen wird der gefeierte Mün chner Malerfürst,
der wie einer der großen Meister der Benaissance
mit den Fürsten von Geblüt und mit allen Großen
der Erde in enger Beziehung steht und mit ihnen
als mit seinesgleichen umgeht. Sein schimmerndes
Haus, der ihm allein angemessene Bahmen
für seine Lebenshaltung und sein künstlerisches
Schaffen, ist das Symbol dieser Persönlichkeit:
gleich dem Lenbach-Haus müßte es künftigen
Generationen als Stuck-Museum, in das alle erreichbaren
starken Werke des Meisters zurückkehren
sollten, erhalten bleiben. Es ist ja auch
seinem Entwurf nach ein Stück Stuckischer
Schöpfung und Stuckischer Kunst. Denn Stucks
ungebärdig in die Form drängendem Kunstwillen
genügten Leinwand und Badierplatte nicht, er
betätigte sich auch als Bildhauer (prächtig ist
seine „Amazone" auf dem Boß, ist sein kugelstemmender
„Athlet"), als Architekt und als der
geschmackvollste, phantasiereichste Dekorateur
seines Hauses und schönster Künstlerfeste.
Stucks Geltung blieb in den Kreisen, die für die
Bildung des öffentlichen Urteils maßgebend sind,
unerschüttert, auch als er bei der allgemeinen
Entwicklung der Kunst nicht mehr mitmarschierte
. Der Zauber seiner starken Persönlichkeit
hielt seine Zeitgenossen im Bann. Weil mit
ihm eine ganz große und einmalige Persönlichkeit
aus dem deutschen, aus dem europäischen Kunstleben
ausschied, darum ist der Verlust so schmerzhaft
— weit schmerzhafter, als wenn ein tüchtiger
Soldat aus dem Heer der nach dem Begle-
ment der gegenwärtigen Kunstordnung Exerzierenden
von uns gegangen wäre. Georg JacobWolf

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