Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 59. Band.1929
Seite: 73
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LUDWIG MICHAEL SCHWANTH ALER

Was weiß München von ihm ? Was weiß
Deutschland von ihm? Der Name „liegt in der
Luft"; er ist eine Ahnung; hin und wieder ist
er auch ein Begriff—freilich ein unzulänglicher.
Wie viele von den Einheimischen und von den
Sommerfremden, die unter den Kastanien des
Münchner Hofgartens ihren Kaifee trinken oder
ihr Gefrorenes essen, haben sich Rechenschaft
darüber gegeben, daß jenes bronzene Brunnenweibchen
an der Mitte der nördlichen Hofgartenarkaden
eines der liebenswürdigsten Bildnerwerke
des deutschen 19. Jahrhunderts ist —
und daß die Hände Schwanthalers es geformt
haben? Schwanthaler: der Name deutet allenfalls
auf die Bavaria über der Theresienwiese.
Die Bavaria? Ein Wahnsinn, nicht wahr — wenn
nicht eine Lächerlichkeit? Ich für meinen Teil
behaupte, daß diese Figur gut ist; ich behaupte
es gegen das Gelächter der Laien und der Fachleute
. Man kann darüber streiten, ob der Gedanke
an sich selbst glücklich gewesen ist; aber
einmal gefaßt und zum Auftrag ausgewachsen
konnte er gar nicht bessere künstlerische Wirklichkeit
werden. Die Geschlossenheit des bildnerischen
Aufbaus ist künstlerische Energie;
die Form ist ruhig und klar; das einzelne entbehrt
nicht des Adels — das Haupt ist reine,
kräftige und noble Schönheit.
Man müßte, um das Verhältnis zu Schwanthaler
zu berichtigen, das weitläufige Inventar des Werkes
den Heutigen gegenwärtig machen, jenes Inventar
, das den Zeitgenossen Schwanthalers und
der Nachwelt bis hin zu Reichardts Katalog
der Entwürfe aus dem Jahr 1885 (der Katalog
kennt zweitausend Nummern aus einer kaum
dreißigjährigen Produktion) so gegenwärtig und
so wichtig war. An dieser Stelle kann das Inventar
allerdings nicht gegeben, sondern nur
angedeutet werden. Ludwig I. hat den Meister
zur Dekoration des Neubaus der Residenz herangezogen
; Schwanthaler hat plastische Dekors
(und mehr als bloße „Dekors") gegeben; er
hat auch für die Arbeit der Maler Entwürfe
geliefert; der treffliche Johann Georg Hiltensperger
, Schüler des Cornelius, hat nach den
Vorlagen Schwanthalers im Königsbau gemalt

— der nämliche Hiltensperger, dessen schöne
Pfej'dekompositionen in der roten Säulenhalle
der Hauptpost, nächst den Theatern, uns jeden
Tag eine stille Freude machen können, der
nämliche Hiltensperger, der den jungen Marees
in der Schule hatte, so daß wir den Schwanthaler
in der Aszendcnz auch des Marees etablieren
dürfen . . . Klenze und Gärtner, die beiden
großen Baumeister Ludwigs I., haben Schwanthaler
regelmäßig zugezogen, wenn sie eines
Meisters bedurften, dessen skulpturaler Stil mit
Empfindung für die Würde des Architektonischen
begabt war. Schwanthaler schuf den
bildnerischen Schmuck der Glyptothek, der
Propyläen, des Kunstausstellungsgebäudes, der
Staatsbibliothek, der Feldherrnhalle (der ausgezeichnete
Tilly, der Wrede sind seine Arbeit).
Der Alten Pinakothek gab er die Malerstatuen
der Südfront. Der Münchner Ruhmeshallc
hinter der Bavaria, der Walhalla bei Regensburg
, der Befreiungshalle bei Kelheim gab er
plastisches Dekor. In der Ära des Christian
Rauch, des Berthel Thorwaldsen, die ziemlich
genau seine Zeitgenossen waren und für die
Standbildplaslik außerordentliche Formen besaßen
, bekam Schwanthaler von überallher
Denkmalaufgaben in Menge zu lösen; und wenn
es wahr ist, daß die Unzahl der Aufträge ihm geschadet
, daß sie seine Art ins Konventionelle
gedrängt hat, so läßt sich doch nicht abstreiten,
daß seine Konvention Wahrheit besaß und daß
unter den vielen, allzuvielen schwanthalerischen
Denkmälern einige erfreu Ii che gefunden werden.
Schwanthaler hat vorzügliche Büsten gemacht,
fürstliche und bürgerliche; er hat treffliche
Bildnisreliefs modelliert. Aber sein Bestes: die
Werke gleichsam inoffizieller Art, die Stücke
privateren,intimeren Charakters — dasBrunnen-
weibchen imMünchnerHofgart en, die Nymph en,
Göttinnen, Tänzerinnen, diese innigen und von
Leben erfüllten Dinge zwischen biedermeierlichem
Genre und klassizistischer Würde,
zwischen deutscher Romantik und antikischem
Begriff und naiver bürgerlicher Sinnlichkeit
von 1830, i84o. Indes, das Werk wird schier
unabsehbar. Die Aufnahme des Bestandes führt

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