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tor; vom Vater Schwanlhaler stammt die
reizende Ephebenfigur zwischen Galeriestraße
und Englischem Garten, die, eine Schenkung
des humanen Grafen Morawitzky,im Münchner
Volksmund den Beinamen des „Knaben Harmlos
" empfangen hat — nach der reizenden
imperativen Sockelinschrift: Harmlos wandelt
hier, dann kehret neu gestärkt zu jeder Pflicht
zurück. (Bei der Gelegenheit: man könnte sich
entschließen, der Figur die fehlende Unterlippe
wiederzugeben.) Der Vater ist in München auf
mannigfache Weise beschäftigt: Steinmetz so
gut wie Bildhauer. Der klassizistische Münchner
Architekt vor Klenze, Karl von Fischer, sucht
für das Dekorativ-Plastische den Beistand des
Vaters Schwanthaler. Franz Schwanthaler stirbt
1820. Die Sorge um die Werkstatt, um die
Hinterbliebenen fällt auf Ludwig, den Sohn.
Er ist am 26. August 1802 in München geboren.
Zeitig hat er angefangen, in Wachs zu bos-
sieren; dabei ist er ein ausgezeichneter Zögling
des humanistischen Gymnasiums gewesen. 1 818
hat er die Akademie betreten; das Vorbild des
Albrecht Adam, des Peter Heß reizt ihn, die
Historienmalerei zu versuchen; er malt ein
brennendes Moskau. Aber der Akademiedirektor
Johann Peter von Langer spricht dem
jungen Schwanthaler alles Talent ab.Das starke
Selbstgefühl ist gekränkt; Schwanthaler verläßt
die Akademie und formt sich selbst; aber als
Bildhauer. Der Tod des Vaters stellt die bildnerischen
Möglichkeiten und Aufgaben praktisch
vor den jungen Künstler hin; es geht ums
Leben; er besinnt sich nicht, zu machen, was
gefordert wird; meist sind es Grabmäler. Da
schlägt sich aber eines Tages die Verbindung
mit dem Hof. Schwanthaler modelliert mit
Leidenschaft Pferde; die königliche Reitschule
läßt ihn zu. Dort sichtet ihn einer der vornehmen
Herren; er wird dem König Max, dem
Kronprinzen Ludwig signalisiert; er empfängt
den Auftrag, ein Silberservice zu fertigen. Es
wird nicht vollendet; aber der Kronprinz schickt
den lebhaften jungen Bildhauer als Stipendiaten
1826 nach Rom. Dort gerät Schwanthaler in
die Nähe Thorwaldsens; sehr wahrscheinlich,
daß sie dem jungen Münchner viel bedeutet.
Den Zurückkehrenden erwartet Arbeit in der
Glyptothek und für die Reitschule der Fürsten
Thurn und Taxis zu Regens bürg. 1832 geht
Schwanthaler zum zweitenmal nach Rom;
seine schwache Gesundheit erträgt indes das
römische Klima nicht; er sucht wieder München;
1835 erhält er eine akademische Professur, und
es folgen die Aufträge, die vorhin angedeutet
werden konnten. Es bleiben dem reifen Meister
nicht mehr viele Jahre; ein furchtbares Gichtleiden
richtet ihn hin; er stirbt am 14. November
i848 in München.
Wenn es erlaubt ist, vom Ganzen oder wenigstens
vom Besten des schwanthalerischen Werkes
als von einem Stil zu reden, so ist dieser
Stil mit aller seiner kenntlichen Bestimmtheit
eine Mischung. Die Elemente sind einander
merkwürdig entgegengesetzt. Das Gymnasium,
die römischen Reisen und der Geist der Zeit
determinieren den Künstler im klassischen
Sinne; das Antikische bewegt ihn nicht nur an
der Oberfläche, sondern auch im Herzen. Aber
in dem nämlichen Herzen wohnt die Fülle des
deutschen Romantismus. Schwanthaler liest
sein Leben lang die antiken Klassiker; aber er
liest auch die alte deutsche Literatur, die von
der heraufwachsenden Germanistik der Epoche
bereitgehalten wird. Es ist die reine Wahrheit:
Schwanthaler ist ebenso sehr deutscher Romantiker
, wie er antikisch fühlender Humanist ist.
Übrigens ist er nicht das einzige Beispiel dieser
seltsamen und doch so wirklichen Symbiose
entgegengesetzter Bildungselemente; der König
selbst, Ludwig L, stellt diese Mischung dar; sie
charakterisiert das Zeitalter — und sie charakterisiert
es sehr schön ... Aber mit dieser Mischung
ist es noch nicht einmal getan; es kommt
noch mehr hinzu. Hinzu kommt noch das Allerbeste
: nämlich das eigene Leben, das Eigene
im Sinn der Epoche und der Person. Dies eigene
Leben ist auf eine substanzierte Weise bürgerlich
; es ist bürgerlich nach der Art des Bieder-
meiertums: es ist auf eine etwas genrehafte
Weise bürgerlich — womit aber ganz und gar
nicht gesagt sein soll, daß es dieser Bürgerlichkeit
an Gewicht, an Dichtigkeit, an Wesen
fehle. Im Gegenteil! Wir sind geneigt, die lebendige
Wesentlichkeit des bürgerlichen Daseins
von 1830, 184O, 1850 sehr zu unterschätzen.
Man nehme die Beispiele! Man sehe die entblößten
Frauen des Schwanthaler: es sind die
Dokumente seiner menschlich-künstlerischen
Liebe, und was geliebt ist, das beweist! Fehlt es
dem Brunnenweibchen, der Venus, den Tänzerinnen
und allen den anderen Werken des
besten schwanthalerischen Typus etwa an lebendiger
Substanz? Sie gedeihen in ihrer Lebendigkeit
; sie blühen und sind fruchtbar; es ist köstlich
zu sehen, wie hier das Leben sich regt —
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